Prof. Jürgen Falter ist Politikwissenschaftler und Wahl- experte.
Der AfD-Spitzenkandidat Gauland kündigte an: Wir werden dieses Land verändern. Wird das gelingen?
Es wird sich möglicherweise etwas im Stil der politischen Auseinandersetzung verändern. Ich kann mir vorstellen, dass die Bundestagsdebatten wieder härter werden und dass auch zum Teil über andere Fragen gestritten wird als in den letzten beiden Legislaturperioden. Aber die AfD ist meilenweit weg von irgendwelchen nötigen Mehrheiten: Sie wird nichts durchsetzen können von dem, was sie gerne durchsetzen will – es sei denn, die regierenden Parteien greifen einzelne Dinge heraus und sagen: Die erledigen wir und nehmen der AfD den Wind aus den Segeln.
Haben Grüne und FDP quasi die Pflicht, bei Jamaika mitzumachen?
Eine Verpflichtung gibt es nicht, aber es gibt einen staatsbürgerlichen Usus. Da keine der Parteien – vielleicht mit Ausnahme der AfD – eine Neuwahl haben will, wird man sich nach Möglichkeit auf eine Koalition einigen. Ich nehme an, Angela Merkel wird mit vielen Kompromissen CSU, Grüne und die FDP zusammen zu kriegen.
Was ist bemerkenswerter: Der Absturz der Union insgesamt oder der Absturz der CSU um elf Prozent auf 38 Prozent?
Für mich ist am bemerkenswertesten der Gesamtrückgang der Volksparteien, die im Bundestag von 2013 noch 70 Prozent der Mandate hatten und jetzt noch etwa 55 Prozent. Dass die CSU in ihrem eigenen Land so viel verloren hat, wird die Koalitionsverhandlungen noch schwieriger machen. Die CSU wird in Bayern einen deutlich härteren Kurs fahren als bisher, damit die AfD klein bleibt – sonst ist es aus mit der absoluten Mehrheit der CSU.
Müsste Parteichef Horst Seehofer persönliche Konsequenzen ziehen?
Er glaubt immer noch, dass er den Laden am besten zusammenhalten kann. Markus Söder ist zwar in der Partei stark, aber bei den Bürgern nicht beliebt. Dazu ist er zu kantig.
Wie soll man mit der AfD umgehen?
Sachlich, hart argumentativ, sie nicht verteufeln, sie nicht in eine Ecke stellen als Leute, mit denen man sich nicht abgibt – denn das bringt ihnen nur neue Wähler.
Interview: Barbara Wimmer