Berlin – Am Mittwochmorgen ist Andrea Nahles zum letzten Mal ins Kanzleramt gefahren. Kabinettssitzung. Zu Angela Merkel hatte sie als pragmatische wie durchsetzungsstarke Arbeitsministerin ein gutes Verhältnis. Ihr Amt wird Nahles nicht weiterführen, Katarina Barley übernimmt – zusätzlich zum Familienministerium – für die letzten Monate der Großen Koalition kommissarisch. Ein bisschen wehmütig sei sie beim Abschied von den Kollegen gewesen, berichtet die 47-jährige Nahles am Nachmittag, nachdem sie von der SPD zur Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde. Dann besinnt sie sich auf ihre neue Aufgabe. „Und ab morgen kriegen sie in die Fresse.“ Dann lacht sie schallend.
Es herrscht erstaunlich gute Laune in der SPD, wenn man bedenkt, dass die historische Schlappe erst drei Tage her ist. Zumindest bei Nahles, die mit 90,1 Prozent ein gutes Ergebnis bekommt. Dem Vernehmen nach hatte am Wahlabend auch Martin Schulz Ansprüche auf die Führung der Fraktion angemeldet, was er selbst aber ziemlich brüsk dementiert. Doch rasch war klar, dass Nahles das bessere Gesicht für einen Neuaufbau ist: jünger, aber dennoch sehr erfahren, in Berlin bestens vernetzt und mit einem eher linken Profil. „Ich lasse keinen Stein auf dem anderen“, sagt sie. Inhaltlich, personell, strategisch. Für ihre Rede hinter verschlossenen Türen spenden die Abgeordneten viel und lange Beifall.
Deutlich kontroverser verläuft im Vorfeld die Suche nach einem Parlamentarischen Geschäftsführer, dem intern wichtigsten Manager der Fraktion. Parteichef Schulz hatte sich den bisherigen Generalsekretär Hubertus Heil gewünscht. Doch der konservative „Seeheimer Kreis“ drückte seinen Kandidaten Carsten Schneider durch, Heil zog seine Kandidatur zurück. Schneider kassiert dafür am Mittwoch 22 Nein-Stimmen und 13 Enthaltungen. Doch es ist auch ein weiterer Dämpfer für Schulz, der sich am Mittwoch im Hintergrund hält. Beim Parteitag muss er sich auch einen neuen Generalsekretär suchen: Heil will nicht weitermachen.
Der Neustart verläuft also keinesfalls frei von Misstönen. Aber er läuft. Auf allen Ebenen überlegen die Genossen, wie es weitergehen könnte. „Das Wahlergebnis war der letzte Warnschuss“, sagt Hubertus Heil. Die Spitze der Bayern-SPD geht am Freitag und Samstag in Miesbach in Klausur, um über den Zeitplan und die Finanzfragen für den anstehenden Landtagswahlkampf zu beraten. Die Bundespartei dürfte sich auf ihrem Parteitag im Oktober mit neuen Stellvertretern und neuem Präsidium deutlich verändern.
Doch wohin steuert diese neu ausgerichtete SPD? „Es geht nicht um eine Himmelsrichtung, wo man in die eine Richtung losmarschiert und dann garantiert auf der richtigen Seite ist“, sagt Nahles in der für sie typischen schnoddrigen Art. „So einfach ist es nicht.“ Für sich selbst will sie auch die Zuordnung zum linken Parteiflügel nicht gelten lassen. „Ich war schon Generalistin als Generalsekretärin und war jemand, der die Partei integrativ geführt hat“, sagt sie. Dazu passt, dass sie gleich am ersten Tag ein mögliches Oppositionsbündnis mit der Linkspartei bestreitet. „Ich sehe im Moment keine Signale, dass es da eine große Annäherung geben könnte.“
1989, vor 28 Jahren, schrieb Nahles in ihrer Abiturzeitung des Megina-Gymnasiums in Mayen/Eifel auf die Frage, was sie werden wolle: „Hausfrau oder Bundeskanzlerin“. Für die „FAZ“ ist sie jetzt schon die „Mutti der SPD“. Die lautstarke Frohnatur wird sich nicht hinter Schulz in der Führung der SPD einsortieren, zumal Nahles schon bewiesen hat, dass sie auch intrigieren kann. 2005 wollte der damalige Parteichef Franz Müntefering seinen engen Vertrauten Kajo Wasserhövel als Generalsekretär durchsetzen. Nahles kandidierte gegen Wasserhövel und gewann. Müntefering warf hin.
Jetzt ist Nahles in der allerersten Reihe angekommen. Und etliche in der Partei glauben, dass sie noch weiter will. Sie selbst formuliert das Ziel für die SPD jedenfalls forsch: „Wir gehen nicht in die Opposition, um Opposition zu bleiben.“