Berlin – Das Wahlergebnis war noch keine 24 Stunden alt, da sagte Katrin Göring-Eckardt: „Dass im Regierungsfall ich in jedem Fall da ’ne Rolle spielen werde, das liegt auf der Hand.“ Und musste kurz darauf klarstellen, dass sie damit kein Ministeramt beansprucht habe, nicht doch, keinesfalls. So läuft das vor heiklen Sondierungsgesprächen, wie sie CDU, CSU, FDP und Grüne bald führen wollen: Jedes Vorpreschen kann zum Problem werden. Gar kein Interesse anzumelden oder zu spät, wäre aber auch falsch.
Sollte es zur Vierer-Koalition kommen, zeichnet sich ein ungefähres Modell der Verteilung der 14 Ministerien und des Bundeskanzleramts mit dem Kanzleramtsminister ab. Die Union hält es für plausibel, dass die kleineren Partner je drei Ministersessel besetzen. Vermutlich werden die Ressorts auch neu zugeschnitten. Die Zuständigkeit ändert sich meistens, wenn eine neue Regierung gebildet wird. So wanderte etwa der Bereich Bauen 2013 vom Verkehrs- ins Umweltressort, während die Energiewende vom Umwelt- ins Wirtschaftsministerium umzog. Ein Blick in die Parteien:
Die Grünen haben im Wahlkampf Schwerpunkte gesetzt: Umwelt, soziale Gerechtigkeit, Europa. Was läge da näher, als drei Ministerien zu beanspruchen: Umwelt, Außen und etwa Soziales? Vielleicht Familie, Entwicklung oder auch ein neues Integrationsministerium, wie Özdemir im Wahlkampf angeregt hat? Göring-Eckardt hat ein „Superministerium für Verbraucherschutz“ gefordert, das auch für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft, Energie und Digitalisierung zuständig sein soll.
Dass Göring-Eckardt und Cem Özdemir als Spitzenkandidaten Minister werden könnten, liegt auf der Hand. Nach grüner Logik braucht es dann jemanden vom linken Parteiflügel, bevorzugt eine Frau. Der Name Claudia Roth kursiert. Aber auch Fraktionschef Anton Hofreiter, der von allen Spitzengrünen das klarste Öko-Image hat, käme infrage; zwei Bayern.
Die FDP ist im Gegensatz dazu fast schon krampfhaft bemüht, die Beine stillzuhalten. Keine Personallisten für Sondierungsgespräche, die noch gar nicht verabredet sind, und schon gar keine Debatten über Posten. In einer „Jamaika“-Koalition bietet sich vor allem nach Wolfgang Schäubles Wechsel ins Bundestagspräsidium die Chance, das Finanzministerium zu besetzen und damit Europapolitik mitzubestimmen. Die Entscheidung wird zwischen Parteichef Christian Lindner und Wolfgang Kubicki aus Schleswig-Holstein fallen. Kubicki wäre gern Fraktionschef. Dazu müsste Lindner ins Kabinett wechseln und Vize-Kanzler werden. Für den 38-jährigen Politologen wäre die Finanzpolitik eine Herausforderung. Er wird überlegen, von welcher Position aus er das Ziel besser erreichen kann, in vier Jahren mit komfortablem Stimmenpolster wieder in den Bundestag einzuziehen. Zudem dürfte die FDP nach dem Bildungs- und Forschungsministerium („weltbeste Bildung“) greifen und nach dem Justizministerium, das bei einem Einwanderungsgesetz ein Wörtchen mitzureden hätte.
Nach einem Bericht der „Rheinischen Post“ gab es bereits ein geheimes Treffen zwischen FDP und Grünen. Demnach steuere man für die Liberalen das Finanz-, Bildungs- und Justizressort an, für die Grünen das Außen-, Entwicklungs- und Umweltministerium. Einvernehmlich und sehr laut dementieren die Parteispitzen das allerdings.
Die CDU setzt trotz parteiinternen Gemurres auf Angela Merkel fürs Kanzleramt. Ohne jeden Zweifel wird ihr enger Vertrauter Peter Altmaier eine Schlüsselrolle spielen. Dafür spricht auch, dass er die nächsten Wochen kommissarisch das Finanzministerium nebenher leiten wird. Eigentlich hätte Merkel damit auch den jungen und ehrgeizigen Staatssekretär Jens Spahn beauftragen können.
Als sicher gilt, dass die Union insgesamt das Innenressort behält. Auch Verteidigung, Wirtschaft und Verkehr landen wahrscheinlich bei CDU oder CSU, Agrar, Gesundheit und Arbeit vielleicht. Namen sind noch offen. Thomas de Maizière wird sicher irgendwo Minister bleiben, Ursula von der Leyen und Hermann Gröhe vielleicht. Laut vernehmbar ist in der CDU der Ruf nach neuen Gesichtern – Spahn etwa für Gesundheit und Bildung oder Mittelstandspolitiker Carsten Linnemann. Weil Merkel gerne die Hälfte der CDU-Posten im Kabinett mit Frauen besetzen möchte, wird auch über einen Wechsel der rheinland-pfälzischen CDU-Chefin Julia Klöckner nach Berlin spekuliert.
Die CSU wollte unbedingt das Innenressort neu greifen, das milliardenschwere Verkehrsministerium behalten (Maut!) und Agrar oder Entwicklung fortführen. Ob das als kleinster Koalitionspartner so zu halten ist, bezweifeln Parteistrategen schweren Herzens. Möglicherweise reicht es nur für Verteidigung – erschwerend kommt hinzu, dass der fürs Innenressort vorgesehene Spitzenkandidat Joachim Herrmann kein Mandat errungen hat. Er könnte zwar theoretisch doch Minister werden, das allerdings macht ihn stärker abhängig von Kanzlerin Merkel. Das wolle er keinesfalls, sagt ein Vorstandsmitglied.
In CSU-Kreisen kursieren dazu zwei Ideen. Entweder bleibt Herrmann einfach in München, was die Landespolitiker freuen würde. Oder es gibt einen cleveren Tausch: Der Bundestagsabgeordnete aus Herrmanns Heimat Erlangen, der junge Staatssekretär Stefan Müller, könnte in München zum Minister berufen werden; Hochschule zum Beispiel, Müller gilt in diesem Feld als versiert. Nebeneffekt: Sobald Müller aus dem Bundestag ausscheidet, ist Herrmann nach dem aktuellen Wahlrecht erster Nachrücker.
Weitere Ministerkandidaten in der CSU sind Generalsekretär Andreas Scheuer und Dorothee Bär, beide aktive oder ehemalige Staatssekretäre im Verkehrsministerium. Falls die CSU das Entwicklungsministerium behält, soll Gerd Müller dort bleiben. Einer fliegt garantiert aus dem Kabinett und ist damit sehr einverstanden: Alexander Dobrindt ist ja am Dienstag an die Spitze der Landesgruppe gewählt worden.