Tallinn – Das Titelbild des britischen Wirtschaftsmagazins „Economist“ bringt es auf den Punkt: Im hellen Lichtkegel am Mikrofon ein strahlender französischer Präsident Emmanuel Macron, dahinter im Schatten eine kleine, irgendwie bedröppelt dreinschauende Kanzlerin Angela Merkel. „Der Scheinwerfer rückt von Deutschland nach Frankreich“, steht darunter. Ist das so? Beim EU-Sondergipfel in Tallinn, dem ersten internationalen Auftritt Merkels nach der Bundestagswahl, ist genau das die Frage.
Ist die Kanzlerin durch ihr schlechtes Ergebnis geschwächt, durch die schwierige Regierungsbildung mit FDP und Grünen sogar eine besondere Art der „lame duck“, der politisch lahmen Ente, die nicht mehr viel entscheiden kann?
Beim Abendessen am Donnerstag dürfen Macron und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker noch einmal aus ihren Reform-Reden zitieren, dann ist Merkel dran. Sie scheint entschlossen, dem Franzosen nicht mehr alleine die Deutungshoheit über die Perspektiven Europas zu überlassen. Nüchtern wie immer, aber mit deutlichen Worten, begrüßt sie Macrons Initiative, spricht von einem „großen Impuls“. Details allerdings, nun ja, die müssten natürlich geprüft werden. Danach entschwindet sie zu einem Treff mit Macron im kleinen Kreis.
Am Freitag dann der Digital-Gipfel. Schnelles Internet, digitale Wirtschaft und Behörden, Cybersicherheit. Die Esten halten sich für die digitalen Weltmeister, was nichts daran ändert, dass bei den 600 Journalisten im Pressezentrum auch mal das Internet schwächelt, wie so oft irgendwo in Europa.
Natürlich gibt es den Verdacht, Merkel werde sich um klare Positionen zu Macrons Plänen eher drücken, solange ihre neue Regierung nicht steht. Und ebenso erwartbar weist sie dies zurück und nennt ausnahmsweise sogar konkrete Punkte: Die „Harmonisierung der Unternehmensteuern und des Insolvenzrechts“ könnten auch in den Koalitionsgesprächen Thema sein. Knackpunkte bei der Regierungsbildung werden das sicher nicht.
In Merkels Umgebung gibt man sich entspannt und versucht, die Aufregung über Macron ein wenig zu dämpfen. Die Reform der EU sei schließlich ein langer Prozess, zunächst müssten Ziele formuliert werden, dann Verfahren und Formate. Und manche Themen seien eben schwieriger als andere. Bis irgendetwas entschieden werde, sei die neue Bundesregierung längst im Amt. Deutscher Pragmatismus gegen französisches Pathos – so neu ist das alles nicht.