St. Petersburg – Gerhard Schröder hat sich nicht beirren lassen. Noch nicht einmal die eigenen Parteifreunde haben den Altkanzler davon abbringen können, sich in den Aufsichtsrat des russischen Ölkonzerns Rosneft wählen zu lassen. Im Gegenteil: Er hat die Entscheidung in Interviews offensiv verteidigt. „Es geht um mein Leben, und darüber bestimme ich.“
Nach wochenlanger Aufregung ist Schröder nun nicht nur drin, sondern sogar Chef des Aufsichtsrates – und behandelt das Engagement so, als sei es ein ganz normales. Er wolle seine politische und wirtschaftliche Erfahrung in das Unternehmen einbringen, sagt er am Freitag in St. Petersburg. Er trete die Aufgabe gerne an und werde sich für das Wohl der Firma einsetzen.
Die Schröder-Connection in die russische Wirtschaft ist nicht neu. Schon kurz nach seiner Amtszeit als Kanzler stieg der heute 73-Jährige bei Gazprom ein. Nun hievt ihn sein Freund, Russlands Präsident Wladimir Putin, in die Führung eines weiteren Energieriesen, der aber ein deutlich schlechteres Image hat. Denn der Konzern steht auf der EU-Sanktionsliste wegen Russlands Krim-Annexion.
Schon zu seiner Amtszeit verstand sich Schröder mit Putin so gut wie mit kaum einem anderen Staats- oder Regierungschef. Die politische Freundschaft wurde schnell zur privaten. Der Kremlchef lud die Schröders zur weihnachtlichen Schlittenfahrt nach Moskau ein, der Altkanzler feierte mit Putin Geburtstag in Hannover. Schröder und seine Ex-Frau Doris Schröder-Köpf adoptierten sogar zwei russische Kinder.
Die Nähe hat dem Altkanzler von Anfang an auch Kritik eingebracht. Seine Einstufung Putins als „lupenreiner Demokrat“ ist unvergessen. Zuletzt kritisierte er mitten im Wahlkampf die Stationierung von Bundeswehrsoldaten in Litauen unweit der russischen Grenze und stimmte in Moskaus Nato-Schelte ein.
Was der Kreml nun von dem gut vernetzten Schröder will, ist klar. Schon bei Nord Stream 1, der ersten Ostseepipeline von Gazprom, hatte er erfolgreich als Türöffner in Europa gewirkt. Nun soll er das auch für Rosneft tun. Russlands größter Ölkonzern hält bereits Anteile an drei deutschen Raffinerien und ist ein wichtiger Investor.
Groß geworden ist Rosneft durch Igor Setschin (siehe Kasten), einen Mann mit dem wenig schmeichelhaften Beinamen „Darth Vader“. Derzeit fordert er Schadenersatz vom russischen Mischkonzern AFK Sistema. Der Fall ist kompliziert, aber im Prinzip so, als würde man einen schadhaften Gebrauchtwagen kaufen und dann gegen den Vorvorbesitzer klagen. Doch vor Gericht kommt Setschin durch, Sistema soll 1,95 Milliarden Euro zahlen. Am Vorgehen gegen den angeblich korrupten Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew war Setschin beteiligt. Im Auftrag des Geheimdienstes FSB lockte er den Minister in sein Büro, übergab ihm einen Korb mit Wurst und zwei Millionen US-Dollar, das angebliche Schmiergeld.
Über Setschin und dessen Firma soll Schröder also nun Aufsicht führen. Für seine Partei wurde er deswegen schon im Wahlkampf zum Problemfall. Während Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) sich noch mit Kritik zurückhielt, distanzierte sich Kanzlerkandidat Martin Schulz deutlich. Und stellte klar, dass ein Bundeskanzler außer Dienst „immer nur bedingt ein Privatmann“ sei. Als Altkanzler genießt Schröder gewisse Privilegien. Sein Büro in Berlin kostet den Steuerzahler in diesem Jahr 561 000 Euro.
Noch gewichtiger sind die außenpolitischen Folgen. Mit seinen Rosneft-Ambitionen durchkreuzt Schröder die EU-Sanktionspolitik gegen Russland. Die Regierung in Moskau freut sich. Energieminister Alexander Nowak nannte den Einstieg Schröders ein „bedeutsames Ereignis“.