Knapp eine Woche nach der Bundestagswahl verschärft sich der Ton in der SPD bei der Aufarbeitung. Parteichef Martin Schulz, der sich wachsender Kritik ausgesetzt sieht, geht in die Offensive. In einem Schreiben an alle Mitglieder rügt er, dass die Partei „alte Fehler“ wiederholt habe. „Weder 2005 noch 2009 oder 2013 hat es eine ehrliche und tiefergehende Debatte über die Gründe der damaligen Wahlniederlagen gegeben, und es sind auch keine echten Konsequenzen gezogen worden“, beklagte Schulz. Damit kritisierte er seinen Vorgänger Sigmar Gabriel. „Strukturell, organisatorisch, inhaltlich und strategisch hat sich unsere Partei seitdem nicht ausreichend weiterentwickelt.“ Auch dieses Jahr habe die Bestimmung des Kanzlerkandidaten lange gedauert, sodass nur wenig Zeit für die Kampagnen-Vorbereitung geblieben sei. Gabriel hatte mit der Kandidatur geliebäugelt, sich dann aber für Schulz ausgesprochen. Dieser schreibt, er habe diese Woche über den Rücktritt als Parteichef nachgedacht. Er sei aber zu der Überzeugung gelangt, den Neuanfang mitgestalten zu wollen. Er übernahm die Hauptverantwortung für die Niederlage. Rückendeckung bekommt er laut ZDF-Politbarometer von den Parteianhängern: 75 Prozent wollen, dass Schulz im Amt bleibt.
Der Landesvorstand der Bayern-SPD arbeitet die Wahl bei einer Klausurtagung in Miesbach auf. Zunächst wurden bis zum späten Freitagabend Ergebnisse analysiert und Konsequenzen diskutiert. „Wir müssen wieder eine sozialdemokratische Erzählung entwickeln“, sagte Landeschefin Natascha Kohnen unserer Zeitung. „Momentan wissen die Menschen nicht, woran sie genau sind mit der Sozialdemokratie.“ Am heutigen Samstag wird die Klausur fortgesetzt. Thema ist dann unter anderem die Landtagswahl im kommenden Jahr. Auch intern gibt es Redebedarf, denn die Analyse von Kohnen ist nicht unumstritten. „Die SPD ist immer noch die SPD“, meint etwa der Bundestagsabgeordnete und Ex-SPD-Oberbayernchef Ewald Schurer aus Ebersberg. Der soziale Ausgleich in der Gesellschaft sei weiter „das Urgen“ der Partei. Für ein besseres Wahlergebnis hätten aus seiner Sicht die Erfolge aus der Regierungszeit wiederholt dargestellt werden müssen. „Ausgesuchte zehn Erfolgspunkte. Das wäre es gewesen.“ dor/dpa