Deutschland blickt auf eine Woche der Widersprüche zurück – nicht nur, weil laut Politbarometer zwei Drittel mit jenem Wahlergebnis unzufrieden sind, das sie selbst zusammengewählt haben. Die CSU will die rechte Flanke schließen, verhandelt aber mit den Grünen über eine Koalition. Die AfD-Wähler wollten Angela Merkel loswerden – nun bekommen sie neben Merkel vielleicht noch einen grünen Außenminister mit Migrationshintergrund. Und das ganze Land schimpft über den ausweichenden, einschläfernden Merkel-Politikstil – regt sich aber auf, wenn Andrea Nahles eine umso kernigere Opposition ankündigt.
Nein, man muss das „In-die-Fresse-Zitat“ von Andrea Nahles nicht gut finden (sie hat sich inzwischen auch entschuldigt), aber Deutschland, das in Zeiten von sozialen Medien immer mehr zur Aufregungsrepublik verkommt, sollte seine Politiker fairer bewerten. Wer sich die Nahles-Szene ansieht, wird den Satz als Scherz erkennen. Der war zwar nicht sonderlich gelungen, aber authentisch für eine Politikerin, die so redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Ist das nicht besser als die abwägende Rhetorik der Kanzlerin oder Interviews von Ministern, die drei Pressesprecher weichgespült haben?
Womöglich beruht der Erfolg der AfD zumindest in Teilen auch darauf, dass sie sich nicht um politische Korrektheit kümmert. Das darf natürlich nicht zur generellen Verrohung politischer Sitten führen, aber offensichtlich muss man nach Jahren der Großen Koalition daran erinnern: dass die harte Auseinandersetzung im Parlament zur Politik gehört. Wer damit hadert, sollte sich Debatten aus der guten alten Zeit ansehen: Strauß, Wehner und Kohl hätten über die Aufregung dieser Woche nur müde gelächelt.
Mike Schier
Sie erreichen den Autor unter
Mike.Schier@ovb.net