Manchmal kann ein Schweigen unglaublich laut sein. Sigmar Gabriel, bis zum 24. September in der SPD für die Abteilung Attacke zuständig, hat sich seit dem Wahldebakel offenbar im Auswärtigen Amt verbarrikadiert. Über die Misere seiner Partei kommt dem Ex-Vorsitzenden nichts über die Lippen, selbst das Martin-Schulz-Porträt im „Spiegel“, das die wachsenden Spannungen zwischen dem schwächelnden SPD-Chef und seinem selbstbewussten Vorgänger dokumentierte, blieb unkommentiert.
Nicht alle in der SPD scheinen derzeit mit offenen Karten zu spielen. Schulz, am Wahlabend noch fest im Sattel, gerät ins Wanken. Hin- und hergerissen ist die Partei angesichts dieses Kandidaten, der im Wahlkampf von Beratern fremdgesteuert wirkte, aber trotz aussichtsloser Umfragewerte weiter kämpfte. Der Basis gilt er als überzeugter Sozi, aber niemand wagt zu behaupten, dass ein gescheiterter 61-Jähriger mit Glatze für den Neuanfang stünde. Letztlich dürfte auch das Wahlergebnis von Niedersachsen über das Schicksal des Parteivorsitzenden entscheiden.
Die wichtigste Frage ist ohnehin offen: Wer sollte das Amt denn von Schulz übernehmen? Andrea Nahles dürfte mit dem Fraktionsvorsitz vorerst ausgelastet sein, Manuela Schwesig hat sich eben in die ostdeutsche Provinz verabschiedet. Und Sigmar Gabriel? Vielleicht arbeitet er schweigend an seiner Rückkehr – ein Zukunftssignal wäre er aber nicht. Vieles spricht dafür, dass am Ende Olaf Scholz auf die bundespolitische Bühne zurückkehren könnte. Der Hamburger Bürgermeister muss sich aber nach dem G 20-Debakel noch zurückhalten. Ihm könnte ganz recht sein, wenn Schulz noch ein Weilchen bleibt.
Mike Schier
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