Was ein Befreiungsschlag hatte werden sollen, endete im Fiasko. Die Stärke des Beifalls der Delegierten auf dem Parteitag der britischen Konservativen für ihre Parteichefin klang nach Triumph. Doch in Wirklichkeit war es aufmunternder Applaus nach dem Albtraum, den eine mit den Tränen kämpfende Theresa May am Rednerpult gerade durchlebt hatte. Mitleid – die Höchststrafe für eine Regierungschefin.
Von Mays Rede wird statt der Worte nur eine Bilder-Trilogie in Erinnerung bleiben: Das gequälte Lächeln, als ein Komiker ihr ein Entlassungsformular auf die Bühne reichte – angeblich im Auftrag ihres Gegenspielers Boris Johnson, der in der ersten Reihe saß. Der nicht enden wollende Hustenreiz, der ihr die Stimme raubte. Und schließlich die Buchstaben des Parteitagsmottos hinter ihr, die plötzlich von der Wand fielen.
Was wie Slapstick wirkt, stürzt die Tories tief in die Krise. Großbritannien bräuchte in den stürmischen Zeiten des Brexit eine besonders starke Kapitänin. Das ist May jetzt endgültig nicht mehr. Doch was nun? Die Premierministerin stürzen oder stützen? Die einzigen Trümpfe, die May noch hat, ist zum einen die fehlende personelle Alternative innerhalb der zerstrittenen Tories. Und zum anderen die große Angst vor dem endgültigen Machtverlust im Falle einer Neuwahl. Das leckgeschlagene Schiff Britannia dümpelt weiter. Dem Abgrund eines ungeregelten Brexit entgegen. Das wäre der Albtraum für alle in Europa.
Alexander Weber
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