Richtungsstreit in der Union

Merkel schwebt über allen

von Redaktion

Es hätte das Wochenende der Abrechnung werden können. Am Freitag kritisierte die Junge Union die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, tönte vom inhaltlichen und personellen Neuanfang. Der Nachwuchs war beim „Deutschlandtag“ auf Krawall gebürstet. Als Angela Merkel zwölf Stunden später leibhaftig vor der Truppe stand, war von all dem Frust, der Wut und Enttäuschung nichts mehr zu hören. Die Delegierten mutierten zum Fanclub, jubelten, klatschten und signalisierten: Ja, mach weiter so!

Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität ist in der gesamten CDU zu beobachten. Die Parteichefin scheint jenseits der politischen Richtungsdebatte zu schweben, losgelöst von Forderungen nach konservativerer Politik und neuen Köpfen wie Jens Spahn. Es spielt keine Rolle, dass die Union mit ihr das schlechteste (2017) und zweitschlechteste (2009) Wahlergebnis eingefahren hat. Merkel kann sogar entgegen von Parteibeschlüssen wie dem zur Doppelpass-Abschaffung unbeirrt in jene Richtung steuern, die sie für richtig hält. Der Frust entlädt sich an der zweiten Reihe: Die JU pfiff Generalsekretär Peter Tauber aus, die Fraktion strafte Volker Kauder ab. Auch deshalb kann sich im Umfeld Merkels kein Nachfolger etablieren – was Merkels Macht weiter festigt.

Gelingt es ihr nun noch, den mit der CSU plötzlich doch ausgehandelten Flüchtlings-Kompromiss durch die Jamaika-Verhandlungen zu tragen, steht Angela Merkel am Ende strahlend als neue alte Kanzlerin auf dem 33-Prozent-Scherbenhaufen des Unions-Wahlergebnisses.

Sebastian Dorn

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