Barcelona – Mit einer einfachen Frage kann man dieser Tage in Katalonien jederzeit eine hitzige Diskussion entfachen: Sollte Regionalregierungschef Carles Puigdemont heute die Unabhängigkeit von Spanien erklären? „Auf jeden Fall. Er soll bloß nicht zurückweichen. Endlich werden wir Spanien auf Augenhöhe begegnen, nicht mehr gedemütigt, sondern respektiert und ernst genommen“, sagt Lourdes. Stolz und entschlossen steht sie hinter dem Tresen ihrer Ferreteria, einem typisch spanischen Laden für Haushaltswaren, Werkzeug und Nippes. „Aber Mama, das ist doch alles illegal und zweitens, was bringt es uns denn? Nur einen Haufen Ärger“, wirft ihre Tochter Carlotta ein und verdreht die Augen.
Knapper als dieses Wortgefecht in der Stadt Premia de Mar nordöstlich von Barcelona lässt sich der Streit zwischen Katalonien und der spanischen Zentralregierung kaum zusammenfassen. Verletzter Stolz, der in Überheblichkeit umschlägt, schimmert bei vielen Katalanen durch, wenn es um das schmerzhafte und ramponierte Verhältnis zu Spanien geht.
„Wir erwirtschaften 25 Prozent des spanischen Brutosozialprodukts, zahlen viel mehr an Madrid, als wir zurückbekommen und Katalanen erringen 33 Prozent aller spanischen Olympiamedaillen“, zählt die Journalistin und Dokumentarfilmerin Llúcia Oliva auf. Die Liste der katalanischen Überlegenheiten gegenüber „den Spaniern“ ließe sich beliebig verlängern. Man sei ehrlicher, fleißiger, erfindungsreicher, zupackender, kreativer und weltoffener als das verknöcherte, immer noch dem imperialen Denken des lange verlorenen Kolonialreichs verhaftete Madrid.
Im Rest Spaniens kommt das naturgemäß nicht gut an. Der Nationalstolz ist schwer gekränkt durch die Absicht der Katalanen, sich aus der Nation zu verabschieden. Gerade die ärmeren Regionen wie zum Beispiel die Extremadura schauen neidisch auf das reiche Katalonien, das sich jetzt auch noch mit seinem Geld aus der spanischen Solidargemeinschaft davonstehlen wolle.
Spaniens konservativer Ministerpräsident Mariano Rajoy ist für viele Katalanen ein rotes Tuch. Noch als seine Partido Popular (PP) in Madrid in der Opposition war, brachte er 2006 mit einer Klage gegen das katalanische Autonomiestatut vor dem Verfassungsgericht wichtige Teile des Gesetzes zu Fall. Dass er beim zuvor vom Verfassungsgericht für illegal erklärten Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober die militärähnliche Guardia Civil gegen friedliche Wähler in Stellung brachte, hat viele Katalanen in ihrer Abneigung gegen „die in Madrid“ nur bestärkt. Auch Rajoys Wortwahl bringt die Katalanen auf die Palme: das Streben nach Unabhängigkeit sei „lächerlich“.
Für die Journalistin Oliva ein Paradoxon: „Die Spanier mögen uns nicht, aber ziehen lassen wollen sie uns auch nicht.“ Das Argument, überbordender Nationalismus habe noch selten zu etwas Gutem geführt, versucht sie so zu entkräften: „Das ist kein Nationalismus, das ist Catalanismus.“ Der Unterschied bleibt diffus. Joaquín Luna von der liberalen Zeitung „La Vanguardia“ bescheinigt Teilen der Unabhängigkeitsbewegung schon fast „religiöse“ Züge. Deshalb sei ein Kompromiss zurzeit kaum möglich.
Auch das kaum aufgearbeitete Erbe der Franco-Diktatur spielt zumindest in den Köpfen der Katalanen immer noch eine große Rolle. „Spanien ist immer noch vom System Franco durchdrungen“, sagte Manel Martínez, Gründer und Direktor der privaten Schulen „Liberi“ in Premia de Mar. Deshalb erwartet er eine sehr harte Reaktion Rajoys auf eine Unabhängigkeitserklärung. „Puigdemont und seine Regierung werden verhaftet werden“, ist er sich sicher. Dann steigen sie zu Märtyrern auf. Jan-Uwe Ronneburger