Silivri – Mesale Tolu ist nicht anzumerken, dass sie seit mehr als fünf Monaten in der Türkei in Untersuchungshaft sitzt. Ihr Vater Ali Riza Tolu hatte seine Tochter vor Prozessbeginn als „stabil und stark“ beschrieben. Tatsächlich wirkt die 32-jährige Deutsche alles andere als eingeschüchtert, als sie am Mittwoch in Silivri westlich von Istanbul vor den Richter tritt. Gut zehn Minuten dauert ihre schriftlich vorbereitete Verteidigung am ersten Verhandlungstag – in der sie die gegen sie erhobenen Terrorvorwürfe vehement zurückweist.
Vater Ali Riza Tolu, der seine aus Ulm stammende Tochter vor dem Verfahren eine „politische Geisel“ genannt hat, sind Nervosität und Sorge dagegen deutlich anzumerken. Vor Prozessbeginn kommt der 58-Jährige zu den wartenden Journalisten, die sich auf dem Parkplatz vor dem Gerichtsgebäude aufgebaut haben, das an das berüchtigte Gefängnis in Silivri angrenzt: Hier sitzen die Deutschen Peter Steudtner und Deniz Yücel in Untersuchungshaft. Ali Riza Tolu kritisiert die Bundesregierung, von der er sich mehr Engagement für die Freilassung seiner Tochter wünscht. „Hier sind Pressekonferenzen verboten“, sagt ein Polizist. Ein Handgemenge droht, der Vater zieht schließlich empört ab.
Vor ihrer Verteidigung sitzt Mesale Tolu im Gerichtssaal unter jenen Angeklagten, die wie sie in U-Haft sind. Die Häftlinge haben vor der Tribüne der Richter auf drei Stuhlreihen Platz genommen, an drei Seiten eingerahmt von Polizisten. Mesale Tolu trägt Jeans und einen blauen Blazer, darunter ein weißes Oberteil. Als sie auf der Pressetribüne eine Kollegin von der linken Nachrichtenagentur Etha sieht, für die auch Tolu arbeitet, winkt sie lächelnd.
Auch auf der Besuchertribüne sieht Mesale Tolu vertraute Gesichter. Dort haben sich 60 Zuschauer versammelt, darunter Mesale Tolus Vater, der sich nervös über den grauen Vollbart streicht. Mesale Tolu schickt einen Luftkuss in seine Richtung. Links vom Vater sitzen eine Frau mit Kopftuch und ein älterer Herr. Beide brechen beim Verhör eines anderen jungen Angeklagten in Tränen aus. In der Reihe dahinter haben zwei deutsche Diplomatinnen Platz genommen, neben ihnen sitzt Linke-Fraktionsvize Heike Hänsel. Hänsel ist die einzige Abgeordnete, die den Prozess beobachtet. Sie spricht von einem „Schauprozess“ und fordert mehr Druck der Bundesregierung.
Mesale Tolu weist jede Schuld von sich, als sie schließlich ans Rednerpult der Angeklagten tritt. Tolu wird – wie den anderen 17 Beschuldigten beim Prozess – Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in der linksextremen MLKP vorgeworfen. Nach Angaben ihrer Anwältin Kader Tonc drohen Tolu bis zu 20 Jahre Haft – ein absurd anmutendes Strafmaß für das, womit die Staatsanwaltschaft aufwartet, die sich unter anderem auf einen anonymen Zeugen beruft. Die Anklageschrift stützt sich im Wesentlichen auf die Teilnahme Tolus an vier Veranstaltungen – die weder verboten noch von der Polizei aufgelöst wurden, wie die Angeklagte sagt. Dann fand die Staatsanwaltschaft noch Propaganda in Tolus Wohnung. Die Beschuldigte erwidert, es handele sich um eine Zeitschrift, die in jeder Buchhandlung zu kaufen sei.
„Ich habe keine der genannten Straftaten begangen und habe keine Verbindung zu illegalen Organisationen“, sagt Tolu. „Ich fordere meine Freilassung und meinen Freispruch.“ Tolus Antrag auf Entlassung aus der Untersuchungshaft bis zur Urteilsverkündung wurde vom Gericht abgewiesen. Can Merey