München/Berlin – Joachim Herrmann ist, zum Leidwesen vieler Journalisten, kein Mann des unbedachten Wortes. Wer ihn mit einer Frage zu provozieren hofft, erntet meist eine Pause, einen tiefen Brummton und im Wiederholungsfall einen mitleidsvollen Blick. „Was das anbetrifft“, setzt Herrmann dann gern an und lässt einen nichtssagenden Satz folgen. Im Umkehrschluss gilt: Wenn sich Herrmann zu einer unerwarteten Aussage einlässt, sollte man von Absicht ausgehen.
Am Wochenende hat der CSU-Spitzenkandidat überraschend seinen Anspruch aufs Bundesinnenministerium erneuert. Der Sonntags-„FAZ“ sagte er, er wolle das umsetzen, „was der CSU und unseren Wählern besonders am Herzen liegt“. Dass er kein Bundestagsmandat errungen hat, sieht er nicht als Hindernis. Zwar stehe man mit Mandat besser da, doch das sei keine zwingende Notwendigkeit.
Herrmanns Aussage sei ein gezieltes Signal vor den Jamaika-Sondierungen, heißt es in CSU-Kreisen. „Das ist ein Offenhalten.“ Dort ist die Sorge groß, bei den Posten ohne das wichtige Innenressort abgespeist zu werden – stattdessen mit der Option auf Verteidigung. An der CSU-Spitze gehen die Einschätzungen weit auseinander, ob das Innenressort noch greifbar ist. Die Kanzlerin werde sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, heißt es in Berlin. Parteichef Horst Seehofer hingegen gibt die Forderung nicht auf. In der Unions-Spitzenrunde zur Obergrenze vergangenen Sonntag wurde über den Posten kein Wort geredet, berichten Teilnehmer.
Bequemer wäre für Herrmann (61) wohl, Innenminister und Landtagsabgeordneter in München zu bleiben. Er hat sich aber mit Berlin abgefunden und ist dort bei den Parteifreunden auch nach wie vor willkommen. Das Problem mit dem Mandat gilt als nachrangig – Justizminister Heiko Maas (SPD) etwa kam auch vier Jahre ohne aus. Zudem gäbe es einen Trick: Die jüngste Fassung des Wahlrechts besagt, dass auf der CSU-Liste der erste Kandidat in den Bundestag nachrücken würde, sobald ein Parteifreund sein Mandat abgibt. Intern wurde über die Option geraunt, den Erlanger Bildungspolitiker Stefan Müller als Minister in die Landespolitik zu holen, der Erlanger Herrmann würde dann wundersam nachrücken. Dagegen spricht, dass Müller gerade zum Geschäftsführer der Landesgruppe gewählt wurde, einer der wichtigeren Jamaika-Unterhändler ist – und generell stärker an Inhalten als an Posten interessiert ist. Mit anderen Abgeordneten ginge der Wechsel auch.
Das Innenministerium zu greifen, wäre für Seehofer auch ein Stück Entlastung im innerparteilichen Kampf um Macht und Deutungshoheit. Der Streit wird sich heute in einer Sitzung des Parteivorstands in München fortsetzen. Dort wollen sich Seehofer-Kritiker offen zu Wort melden. Er hat den Rückhalt in Teilen der Münchner CSU sowie in den Bezirksverbänden Oberfranken und Oberpfalz verloren, auch in Oberbayern rumort es. Seehofer will Disziplin einfordern.
Einer der Erfahrensten in der CSU mahnt die Partei vor der Sitzung zur Ruhe. Der ehemalige Landtagspräsident Alois Glück warnt eindringlich vor weiteren Personalquerelen. „Die Debatte zu diesem Zeitpunkt ist die größte Dummheit“, sagte er unserer Zeitung. Die Stimme des ehemaligen Strippenziehers der CSU aus dem Kreis Traunstein hat durchaus Gewicht: Glück (77) war 38 Jahre lang Abgeordneter im Landtag, dazu CSU-Fraktionsführer und Bezirkschef in Oberbayern. Etwa, als Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber 2007 zum Rücktritt gedrängt wurde. Auch damals wurden immer mehr Stimmen laut, die einen Personalwechsel forderten. Glück sagt, das wäre jetzt aber „Selbstzerstörung“ für die CSU. Zunächst müssten die Koalitionsverhandlungen über das Jamaika-Bündnis in Berlin geführt werden – mit Seehofer an der Spitze. Danach erst sei die Klärung von Personalfragen „natürlich notwendig“.