München – Der Sieger hat es eilig. Es ist gerade einmal sieben Minuten her, dass auf der SPD-Wahlparty erstmals lautstark gejubelt wurde, da steht Stephan Weil schon auf der Bühne vor seinen Parteifreunden. Die Erleichterung über die Hochrechnung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er wolle noch gar kein Wahlergebnis kommentieren, wiegelt er ab. Man solle erst einmal „den Ball flach halten“. Seine Analyse gerät dann aber eher zum rhetorischen Volleyschuss. „Wer durch solche Täler durchgeht und immer wieder aufsteht, der hat einen Charaktertest bestanden“, jubelt Weil. Es sei ein „großer Abend für die niedersächsische SPD“. Und überhaupt sei klar: Die letzten zweieinhalb Monate werde er nie vergessen – und wohl auch sonst keiner im Saal.
So endet am Sonntagabend eine zweieinhalbmonatige emotionale Achterbahnfahrt für die niedersächsische Landespolitik. Keiner hätte Mitte Juli gedacht, dass man quasi parallel zur Bundestagswahl auch noch einen Landtagswahlkampf stemmen müsse. Dann lief die grüne Hinterbänklerin Elke Twesten völlig überraschend von den Grünen zur CDU über, weil sie bei der Aufstellungsversammlung im eigenen Kreisverband durchfiel. Das rot-grüne Regierungsbündnis war seine Ein-Stimmen-Mehrheit los.
Doch als Weil gestern Abend gut gelaunt vor seinen Parteifreunden steht, hat sich an den knappen Mehrheiten nichts geändert. Den ganzen Abend über schwanken die Hochrechnungen: Mal reicht es für Rot-Grün, mal nicht. Die Auszählung dauert aufgrund des niedersächsischen Wahlrechts bis in die Nacht.
Ehe es an die Suche nach Mehrheiten geht, müssen alle Parteien ihr eigenes Abschneiden bewerten. Die Vorzeichen sind klar: Die CDU fährt ihr schlechtestes Ergebnis seit 1959 ein. Die SPD wird erstmals seit den Zeiten von Gerhard Schröder (1998) stärkste Fraktion. Die Grünen verlieren nach dem spektakulären Twesten-Wechsel mehr als fünf Prozentpunkte, wobei ihr Ergebnis historisch betrachtet immer noch ordentlich ist. Gleiches gilt für die ebenfalls mit Verlusten kämpfende FDP. Ihre Anhänger wirken jedoch deutlich enttäuschter als die der Grünen.
Und die AfD? Der gelingt zwar knapp der Sprung in einen weiteren Landtag. Vor drei Wochen, bei der Bundestagswahl, machten in Niedersachsen aber noch 9,1 Prozent ihr Kreuz bei den Rechtspopulisten. Womöglich haben die – inzwischen eingestellten – Ermittlungen gegen den niedersächsischen AfD-Landesvorsitzenden Paul Hampel den ein oder anderen verschreckt.
Doch die AfD ist keine Ausnahme: Auch bei der SPD gehen die Wahlergebnisse binnen drei Wochen weit auseinander: 27,4 Prozent holten die Genossen am 24. September, diesmal sind es deutlich mehr. Das passt ins Bild einer dramatischen Verschiebung der politischen Stimmung in Niedersachsen – mit deutlichen Gewinnen für die SPD und Verlusten für die CDU. Noch im August ergab eine Infratest-Umfrage 40 Prozent für die CDU und 32 für die SPD. Vergangene Woche lagen beide schon gleichauf. Jetzt hat die SPD sogar noch besser abgeschnitten.
Vertreter aller Parteien machen am Abend landespolitische Gründe für die Entwicklung verantwortlich – besonders deutlich wird Peter Tauber, Generalsekretär von Angela Merkels CDU. Auf keinen Fall soll die Pleite mit der Kanzlerin in Verbindung gebracht werden. In Berlin vernimmt man genau, dass CDU-Kandidat Bernd Althusmann fehlenenden Rückenwind moniert. SPD-Chef Martin Schulz dagegen lobt brav die „herausragende Arbeit“ von Stephan Weil. Zugleich verweist Schulz auf die Entwicklungen seit dem 24. September. Trotz einer schweren Wahlniederlage habe die SPD zusammen gehalten. „Wir haben uns nicht spalten lassen“, sagt der Parteichef zufrieden.
Und noch einer wirkt an diesem Abend erstaunlich zufrieden. Als Bernd Althusmann am Abend vor seine Parteifreunde tritt, feiern die ihn mit Gesängen. Bemerkenswert im Angesicht des schlechtesten Ergebnisses seit fast sieben Jahrzehnten. Althusmann bildet mit den Fingern die Merkel-Raute und genießt. Klar, er habe sich ein besseres Ergebnis gewünscht, sagt er pflichtschuldig. Aber: „In Sack und Asche gehen müssen wir überhaupt nicht.“ Und dann deutet er das Wahlergebnis einfach um: Die CDU habe vom Wähler einen „klaren Gestaltungsauftrag“ erhalten.
Das erstaunliche Selbstbewusstsein des ehemaligen Kultusministers speist sich aus der schwierigen Regierungsbildung. Was wenn es nach der Zitterpartie nicht für Rot-Grün reicht? Dann scheinen drei Koalitionen möglich: Die FDP schließt eine Ampel allerdings noch am Wahlabend kategorisch aus. Die Grünen wiederum haben nach den massiven Querelen um den Twesten-Wechsel wenig Lust auf Jamaika mit der CDU (wobei die Ablehnung nicht ganz so kategorisch ausfällt wie bei der FDP). Bliebe letztlich eine Große Koalition, auf die überhaupt keiner richtig Lust hat. Die Wähler haben laut Infratest-Umfrage vom Wahltag kaum Präferenzen: 28 Prozent finden Jamaika gut, 27 die GroKo und nur 23 Prozent eine Ampel. Am ehesten würden sie mit 33 Prozent eine Fortsetzung von Rot-Grün befürworten.