Berlin – Es soll eine Szene voller Symbolik sein – und ein Signal der Gleichbehandlung an FDP und Grüne. Gut gelaunt zeigen sich zuerst Angela Merkel, Horst Seehofer und Christian Lindner kurz nach Mittag im Kreis der Unterhändler von Union und FDP kurz auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft. Die Kanzlerin lächelt, der CSU-Chef auch, aber ein wenig angestrengt. Aus der zweiten Reihe heraus winkt der FDP-Vorsitzende mit einem Schmunzeln.
Viereinhalb Stunden später: Gleiche Szene, andere Besetzung. Diesmal die Kanzlerin mit der Grünen-Spitze um Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt. Anders als bei der Schwester-Szene mit den Liberalen halten sich Seehofer und die Seinen jetzt eher im Hintergrund. Zuviel demonstratives Kuscheln mit dem politischen Erzrivalen muss nun auch nicht sein.
Das Bild soll aber auch zeigen: Deutschland ist auf dem Weg heraus aus dem Regierungsvakuum, den die Bundestagswahl mit ihren vielen Verlierern vor dreieinhalb Wochen hinterlassen hat. Noch weiß aber niemand, ob die Verhandlungen über die für den Bund exotische Konstellation am Ende doch noch platzen. Hinter verschlossenen Türen versuchen die Spitzen der Union bei Buletten, Kürbissuppe und Blechkuchen erst mit der FDP und später mit den Grünen auszuloten, ob es sich überhaupt lohnt, in die anstrengenden Verhandlungswochen zu gehen. Ob das Gemüse zum Menü extra für Özdemir aufgetischt wurde, sozusagen als Zeichen guten Willens in Richtung des Vegetariers?
Vor allem zwischen CSU und Grünen dürften demnächst öfter die Fetzen fliegen, wenn es um Streitthemen wie Zuwanderung oder Steuerpolitik geht. Kompliziert ist es besonders für Seehofer: Er kämpft Zuhause nach dem desaströsen Ausgang der Wahl ums politische Überleben – immer seine Landtagswahl im Hinterkopf. Umso bedeutender ist das Zeichen, dass Seehofer schon vor dem offiziellen Start der Sondierungen sendet. Eineinhalb Stunden lang spricht er am Dienstagabend mit Özdemir und Göring-Eckardt – auf eigenen Wunsch in der Grünen-Zentrale. Wenn das keine vertrauensbildende Maßnahme ist. Die Gastgeber scherzen: „Er hat’s überlebt.“
Er überlebt auch diesen ersten Sondierungstag. Er sendet sogar viel positivere Signale als manche seiner Mitsondierer, etwa der betont Jamaika-kritische Alexander Dobrindt, der jetzt schnell das Thema Migration anpacken will. Seehofer sagt also am späten Abend, die Gespräche seien „nicht schlecht für den ersten Tag“ gewesen. „Das waren schon auch vernünftige Diskussionen ausnahmslos.“ Es seien ja hier auch „nicht Praktikanten beieinander“. Sein Generalsekretär Andreas Scheuer nennt die Gespräche nur „zuweilen sympathisch“. Jeder wisse, dass man auch Rücksicht auf Themen nehmen müsse, „die die Menschen umtreiben“ – ein Hinweis auf die Flüchtlingspolitik.
CDU-General Peter Tauber betont: „Es ist uns ernst.“ Er vertritt hier ja quasi auch die Kanzlerin. Die will am Schluss unbedingt in Jamaika ankommen. Die Parteien seien aber sehr unterschiedlich und der Weg weit, räumt Tauber ein. FDP-Unterhändlerin Nicola Beer beziffert die Distanz: „Zwischen Deutschland und Jamaika liegen ungefähr 8500 Kilometer.“ Immerhin die ersten Meter seien gut gelaufen, sagt Beer.
Am Donnerstag reden Grüne und Liberale erstmals direkt miteinander, am Freitag schließlich steht die erste große Sondierungsrunde aller vier Parteien an.