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Dogan Akhanli und der lange Arm der Türkei

von Redaktion

Köln – Es ist eine unschöne Szene, die sich am Donnerstagabend auf dem Düsseldorfer Flughafen abspielt: Gerade erst hat Dogan Akhanli die Ankunftshalle betreten, Familie und Freunde umarmt, da ruft ihm ein Mann – augenscheinlich ein wartender Fahrer – etwas auf Türkisch zu: „Vaterlandsverräter“. Es gibt einen erregten Wortwechsel, Anwalt Ilias Uyar zieht Akhanli schließlich weg. So hat sich der türkischstämmige Autor seine lang ersehnte Heimkehr nach Deutschland nicht vorgestellt.

Noch einen Tag später wirkt der schmale, nachdenkliche Mann angeschlagen. Es sei nicht das lange Warten auf die Entscheidung der spanischen Regierung, das ihn zermürbt habe, sagt er im Rathaus von Köln. Schließlich hätten ihm viele Menschen zur Seite gestanden, deutsche Freunde, aber auch andere. „Ich bin als fröhlicher, stolzer Schriftsteller wieder zurückgekehrt. Und plötzlich passiert sowas.“ Der Mann im Flughafengebäude habe ihm zugerufen, dass er sich auch in Deutschland nicht sicher fühlen könne.

Eigentlich wollte Akhanli im August nur eine Woche lang mit seiner Partnerin Perihan durch Andalusien reisen. Aber in Granada stand plötzlich die Polizei vor ihm. Grund war eine Fahndung über Interpol: „Gefährlich, bewaffnet und flüchtig“ – so wurde der 60-jährige Autor beschrieben. Dahinter stand ein Auslieferungsersuchen der Türkei. Einen Tag nach seiner Festnahme kam er unter Auflagen frei, durfte aber nicht aus Spanien ausreisen.

Das sei ein „Unding“, kritisiert Akhanlis Kölner Freund Günter Wallraff. „Dass die Behörden so willfährig Erdogans Verlangen nachkommen und einen kritischen Autor fast zwei Monate lang festhalten, kann ich nur als beschämend bezeichnen.“ Spanien habe einiges aufzuarbeiten. „Der Hauptverantwortliche scheint allerdings Interpol zu sein – die machen sich zum verlängerten Arm von Erdogan.“ Wallraff sieht auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in der Pflicht: „Er müsste klären, welche deutschen Staatsbürger noch auf dieser Fahndungsliste stehen, und die Betroffenen warnen.“

Auch Akhanlis Anwalt Ilias Uyar wirft den deutschen Behörden vor, den Schriftsteller nicht rechtzeitig über die Auslieferungsbemühungen der Türkei informiert zu haben: „Das ist ein großes Versäumnis.“ Dies gelte umso mehr, da Akhanli deutscher Staatsbürger sei. Es sei verwunderlich, dass EU-Staaten noch immer juristisch mit der Türkei zusammenarbeiteten. „Die Türkei ist kein Rechtsstaat. Es gibt keine unabhängige Justiz in der Türkei“, betont Uyar. Richter und Staatsanwälte schauten auf das, was Präsident Recep Tayyip Erdogan von ihnen erwarte. Seine Forderung: „Die europäischen Staaten müssen die Haftbefehle aussetzen oder nicht vollstrecken.“ Christoph Driessen

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