samstagsKolumne

Heimat unter Zechen und Schloten

von Redaktion

Allen Älteren, die so wie ich als Kind noch den aktiven Kohlebergbau an der Ruhr erlebt haben, geht das Herz auf bei der Bergmannshymne: „Glück Auf, Glück Auf, der Steiger kommt…“. Dabei gibt es keinen Grund, der schweren Arbeit der Bergleute nachzutrauern. Viele mussten sterben bei den Grubenunglücken durch die gefürchteten Schlagwetterexplosionen. Dazu war die Gesundheit der Kohlehauer ab dem 40. Lebensjahr zerstört. Silikose hieß das medizinische Wort für die durch das Einatmen von viel zu viel Kohle-Steinstaub zerstörten Lungen. Langsam wurden die Arbeitsbedingungen wohl etwas besser, aber viel zu lange haben Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften am Untertage-Steinkohlebergbau festgehalten. Schon 1955 nämlich war importierte Steinkohle einschließlich der Fracht bis zum Hafen Duisburg billiger, als die an der Ruhr vor Ort geförderte Kohle.

Großartige Menschen waren die Kohlebergarbeiter und ihre Familien, deren Vorfahren aus Polen, Masuren und sogar aus Bayern gekommen waren, um ihre Lebensumstände zu verbessern. In mutigen Arbeitskämpfen gelang es schon vor dem ersten Weltkrieg, schrittweise den 8-Stunden-Tag durchzusetzen und für die im Akkord arbeitenden Bergleute das verhasste „Wagen-Nullen“ zu verbieten.

Der richtige Bergmann hatte neben seinem Siedlungshaus einen Stall für Ziege („Bergmannskuh“) und Schwein. Unsere größte Bewunderung verdienen die Bergmannsfrauen, die alles zu betreuen hatten. Zunächst den Henkelmann fertigmachen für den Mann, der frühmorgens „auf Schicht“ geht. Dann die Kinder versorgen und zur Schule schicken, die Tiere füttern und dazu gingen viele noch selber „auf Arbeit“ als Putzhilfen in Bürgerhaushalten. Dabei hatten manche zuvor schon nachts die örtliche Zeitung ausgetragen („geschlört“).

Eine Petitesse der Geschichte des Ruhrbergbaus ist, dass einer der bedeutendsten Pioniere, William Thomas Mulvany, 1806 in Dublin geboren, ein irischer Landvermesser war. Als Mann mit glückhaftem Unternehmergeist benannte er die von ihm abgeteuften Zechen nach seiner Heimat. „Shamrock“, der irische Name für das Kleeblatt „Hibernia“, das lateinische Wort für Irland. 1866 schließlich gründete er seine dritte Revierzeche mit dem Namen „Erin“ (Irland) in Castrop-Rauxel. Später war er dabei, als mit der Gelsenkirchener Bergwerks-AG einer der bedeutendsten Bergbaukonzerne geschaffen wurde. Er war Mitgründer des mächtigen „Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund“, von Bismarck respektvoll „Langnamenverein“ genannt. Als der Gelsenkirchener Ehrenbürger 1885 in Düsseldorf starb, hatte er die deutsche Industrie nachhaltig vor (ausgerechnet) englischer Industrie geschützt.

Heute ist die ganze Bergbaugeschichte nur eine Erinnerung. In der liebenswerten heutigen Ruhrgebietsbevölkerung aber ist der arbeitsame, realistische und fröhliche Geist ihrer bergmännischen Vorfahren lebendig geblieben. Das ist das schönste Steinkohlenerbe, das im Übrigen in Zechenmuseen wie „Zollverein“ in Essen sowie im Bergbaumuseum in Bochum besichtigt werden kann. „Komm mal lecker bei mich bei…“, so heißt es dort auf einem Plakat mit drei Kumpeln, die nach getaner Arbeit an ihrer „Bude“ freudig in die Currywurst beißen. „Jau, geerne, sach ich dazu“…

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