Endlich habe er „cojones“ gezeigt, bejubeln die Anhänger des spanischen Regierungschefs Rajoy dessen knallharte Entscheidung, die separatistische Regionalregierung Kataloniens abzusetzen und der Unabhängigkeitsbestrebung mit der Neuwahl des Parlaments entgegenzutreten. Dazu bedurfte es jedoch weniger männlichen Mumms als unterstellt. In Wahrheit blieb Rajoy, so wie die Dinge sich entwickelt hatten, gar keine andere Wahl, wenn er nicht seine Glaubwürdigkeit verlieren wollte. Keine Frage: Der Premier hat das Verfassungsrecht auf seiner Seite. Doch seine Hoffnung, mit Härte die Eskalation zu stoppen, könnte sich als trügerisch erweisen.
Rajoy hat in der Wirtschafts- und Finanzkrise Spaniens viel Rückgrat bewiesen und das Land wieder auf Erfolgskurs gebracht. Im Katalonien-Konflikt jedoch agierte der Konservative nicht wie ein kluger politischer Kopf, sondern wie ein strenger Notar, der jedes Fingerspitzengefühl im Umgang mit der katalonischen Seele vermissen ließ. Unterm Strich hat er so die separatistische Bewegung mehr gestärkt als geschwächt.
Und Carles Puigdemont? Der katalonische Rebellionsführer hat sich schwer verzockt: Er hat nicht nur auf Hilfe aus Brüssel gesetzt und damit die Interessenslage der EU-Staats- und Regierungschefs völlig falsch eingeschätzt. Sondern auch die Reaktionen der katalonischen Wirtschaft. Deren massive Drohungen mit Wegzug aus der Region und damit dem Wegfall tausender Arbeitsplätze wird Wirkung zeigen. Den harten Kern der Separatisten wird das allerdings nicht friedlicher stimmen.
Alexander Weber
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