NAch Säuberungswelle in der Heimat

Türkische Elite bittet um Asyl

von Redaktion

Von Yuriko Wahl-Immel

Köln/München – Cem war in der Türkei Beamter, hatte eine Elite-Hochschule absolviert, lebte sorglos mit seiner ebenfalls studierten Ehefrau bei Istanbul. Jetzt fängt er bei null an in Deutschland, ist geflüchtet, hat Asyl erhalten und baut sich im Rheinland eine neue Existenz auf. „Es ist kein leichter Wechsel vom angesehenen Staatsdiener zum Flüchtling. Aber ich war zur Zielscheibe Erdogans geworden. Ich wäre inhaftiert worden und musste das Land, das ich liebe, verlassen“, erzählt der 40-Jährige.

Mehr als 600 ranghohe Staatsbeamte aus der Türkei haben nach dem Putschversuch im Juli 2016 und den von Präsident Recep Tayyip Erdogan danach eingeleiteten Maßnahmen Asyl in Deutschland beantragt. Das berichtete das Bundesinnenministerium vor einer Woche. Insgesamt sei die Zahl der Asylsuchenden aus der Türkei merklich gestiegen – auf bisher 5447 registrierte türkische Asylsuchende zwischen Januar und September.

„Seit dieser Nacht im Juli hat sich alles verändert. Ich wurde entlassen, wie viele Tausend andere auch. Wer im Verdacht steht, Erdogan und seine Linie nicht zu unterstützen, wird wie ein Terrorist behandelt, diffamiert, gejagt“, sagt Cem. Vor knapp einem Jahr flüchtete er mit Frau und Kind. „In der Türkei gibt es kein Recht mehr, keine Sicherheit, keine Verlässlichkeit, keine freie Lehre, keine Demokratie, weder Meinungs- noch Pressefreiheit.“

Auch in Deutschland lebt die Familie zurückgezogen. Cem weiß von der Affäre um spitzelnde Imame der türkisch-islamischen Organisation Ditib und um Aktivitäten des türkischen Geheimdienstes hierzulande. Viele der hier lebenden Türken unterstützen Erdogans Kurs. „Ich meide aus Vorsichtsgründen jeden Kontakt zu Türken“, sagt Cem.

Seit Juli 2016 sind mehr als 150 000 Staatsbedienstete suspendiert oder entlassen worden. Über 50 000 Menschen sitzen wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung in Untersuchungshaft. Erdogan macht den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich, was dieser zurückweist.

Auch die beiden Professoren Mehmet (46) und Merve (44) verloren im Sommer 2016 ihre Stellen an der Hochschule. „Kurz nach dem Putschversuch wurden wir entlassen. In wenigen Sätzen wurde behauptet, wir seien Teil der Gülen-Bewegung“, schildert Mehmet. Seine Frau ergänzt: „Wir standen auf einer der veröffentlichten Listen mit den Namen von tausenden Leuten, die angeblich einer Terrororganisation von Gülen angehören sollen.“ Viele Professoren an ihrer Universität seien entlassen, jeder Dritte verhaftet worden.

Die Sorgen vieler Türken bekommen auch die Träger von Sprachschulen zu spüren. Viele türkische Teilnehmer der Deutschkurse seien sehr verunsichert, sagt Matthias Jung. Als Vorsitzender des Fachverbands Deutsch als Fremdsprache weiß er: „Die Zahl der Teilnehmer aus der Türkei in den Kursen hat deutlich zugenommen. Es sind sehr viele Menschen mit einem hohen Bildungsniveau darunter. Da kommt die Bildungselite der Türkei zu uns – Ärzte, Hochschullehrer, Anwälte, Beamte.“

Der als Geflüchteter im Rheinland lebende Cem will sich derweil beruflich neu versuchen. Er hat in Deutschland eine Zusage für einen Studienplatz. Den Traum von einer Rückkehr in die Heimat verbietet er sich: „Ich habe keine Hoffnung, dass die Türkei jemals wieder ein freies, demokratisches Land wird.“

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