In einer Welt, in der fast alles möglich scheint, hatten Katholiken eine Gewissheit, auf die Gläubige anderer Religionen verzichten mussten. Der Papst gab den Kurs vor, auch wenn das manchmal unangenehme Folgen hatte. Man konnte diesem Autoritarismus Folge leisten, sich an ihm reiben oder ihn ignorieren. Das Papsttum blieb trotz aller Orkanböen der Moderne eine letzte Instanz für Katholiken, ein polarisierender Anker im Ozean der Beliebigkeiten. Jetzt ist es plötzlich andersherum: Der Papst selbst bringt alte Gewissheiten in Bewegung. Der Anker, der bislang dogmatische Sicherheit und eine gewisse katholische Bequemlichkeit gewährleistete, hat sich gelöst.
Viele Katholiken sind angesichts dieser Veränderungen verstört. Priester, Theologen und Laien bezichtigen ihr Oberhaupt unverhohlen der Verbreitung von Irrlehren. Kardinäle zweifeln öffentlich am Lehramt des Papstes. Auf der anderen Seite gibt es Befürworter der neuen Freiheit. Die katholische Kirche durchlebt eine Identitätskrise, in der die grundverschiedenen Überzeugungen über das an die Oberfläche gelangen, was Katholischsein im 21. Jahrhundert bedeuten soll. Wie viel Wirklichkeit verträgt die Kirche, ohne eine beliebige christliche Religions- und Interessengemeinschaft zu werden, lautet dabei die Gretchenfrage.
Mit seiner Amtsführung zum Anfassen hat Franziskus das Papsttum entzaubert. Das Zeitalter der Päpste, die sich auf die Anerkennung ihrer Autorität und Verbindlichkeit ihrer Entscheidungen verlassen konnten, ist endgültig vorbei.
Julius Müller-Meiningen
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