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von Redaktion

München/Erlangen – Als Horst Seehofer eines Samstags im Mai von seiner großen China-Reise zurückkehrte, stolperte seine Delegation übernächtigt und erschöpft aus dem Flugzeug. Er hingegen ließ sich eilig zum nächsten Termin fahren, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt: Die 70-Jahr-Feier der Jungen Union wollte der CSU-Vorsitzende keinesfalls verpassen. Die Mitreisenden rieben sich die müden Augen, Seehofer aber hatte Recht: Zu groß ist das Gewicht des Parteinachwuchses für einen, der noch Wahlkampf treiben und die Partei verjüngen will.

Dank gibt es nicht in der Politik – das zeigt sich jetzt, ein halbes Jahr später. Wieder steht ein JU-Termin an, diesmal die dreitägige Landesversammlung in Erlangen. Wieder ist Seehofer in Zeitnot, diesmal wegen der Sondierungen in Berlin. Nun sagt er aber kurzfristig für Samstag ab – und der Zorn der Jugendorganisation wallt in auffallend scharfer Form auf. Landeschef Hans Reichhart (35) schimpft per schriftlicher Mitteilung über Seehofer, er weiche kritischen Debatten aus. Andere fauchen, wenn Seehofer gewollt hätte, hätte er sicher einen Ausweichtermin finden können. Die Versammlung reagierte am Freitagabend mit einem Pfeifkonzert auf Seehofers Absage.

Tatsächlich dürfte sich die Absage als fatal erweisen. Dem eloquenten Landtagsabgeordneten Reichhart war es nur unter allerlei rhetorischen Verrenkungen gelungen, offene Rücktrittsforderungen aus der JU an Seehofer zu verhindern. Der Verband ist seit der Bundestagswahl-Klatsche in der Frage gespalten, ob man mit Seehofer oder mit dessen Rivalen Markus Söder 2018 besser aufgestellt wäre, wird aus einigen internen Runden berichtet. Nach der Absage des Parteichefs dürften die Dämme brechen. Wenn sich die JU einreiht in die Seehofer-Kritiker, vielleicht gar mit einem Votum, destabilisiert das den Partei- und Regierungschef enorm. Eine erneute Spitzenkandidatur hat sich damit praktisch erledigt.

Da ist sie also wieder, die untote Personaldebatte. Die JU wird sie nun zelebrieren: Für Sonntag ist ja Markus Söder als Hauptredner angekündigt, der sich auch in diesem Verband ein Netzwerk aufgebaut hat. Söder – am Freitag unter tosendem Beifall erwähnt – hat mit Freude registriert, dass die JU eine „Erlanger Erklärung“ plant, die zur Verjüngung der Partei auf allen Ebenen aufruft. Den kritischeren Teil, die Aussprache zum Wahlergebnis, müssen am Samstag nun Parteivize Manfred Weber und Spitzenkandidat Joachim Herrmann übernehmen. Man rechne damit, als „Blitzableiter“ genutzt zu werden, heißt es von deren Leuten nüchtern. Landeschef Reichhart wird das Wochenende eher gelassen verfolgen: Am Freitagabend bestätigten ihn die Delegierten mit 96,8 Prozent Zustimmung im Amt. Er erhielt 240 von 248 gültigen Stimmen. C. Deutschländer

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