„Bestandsaufnahme Gurlitt“

Wo ist der Bösewicht?

von Redaktion

So sind sie, die Wissenschaftler: Machen einem all die so schön einfachen Antworten kaputt – und die noch einfacheren Schuldzuweisungen obendrein. Erst durfte man diesen Mann aus Schwabing zum geldgeilen Typen abstempeln, der auf einem „Nazi-Schatz“ saß und damit in der Schweiz geheimnisvoll Handel trieb. Dann aber sah man einem zierlichen Alten in die verschreckten Augen, hörte von besonnenen Forschern detaillierte Informationen – und mochte diesen Cornelius Gurlitt nicht mehr verteufeln, zumal Staatsorgane böse mit ihm umgesprungen waren. Bei Verdacht auf Steuerhinterziehung alles Hab und Gut aus der Wohnung schleppen? Niemand mag sich das vorstellen.

Also nahmen wir den nächsten Bösewicht, den Vater von Cornelius. Hildebrand Gurlitt war schließlich einer von Hitlers Chefeinkäufern in Deutschland und in den besetzten Gebieten, er verschacherte „entartete Kunst“ und erpresste jüdische Opfer. Jetzt rücken uns die Kunsthistoriker mit ihrer Bonner Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ erneut nahe an einen Menschen, an Hildebrand, an die Wirklichkeit. Und wieder zerbröckeln Urteile. Das ist wunderbar, richtig und beruhigend. Humanität und Vernunft haben endlich wieder die Herrschaft erlangt, die, das sei selbstkritisch gesagt, im Fall Gurlitt auch die Medien gefährdeten. Vielleicht kann sich am Ende sogar Justitia aufraffen, ihre Fehler einzugestehen.

Simone Dattenberger

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