Kabul – Eine Woche nach der Bombe klebt noch immer Blut an den Wänden. Gemeindemitglieder haben verbrannte Teppiche aus dem Gebetsraum geschafft, zerborstene Fensterscheiben aufgefegt und das aus den Angeln gesprengte Holztor an die Wand gelehnt. „Aber niemand hier will die Überreste von Freunden, Verwandten oder Nachbarn von den Wänden waschen“, sagt der Bürgervertreter des Viertels, Ibrahim Mustar.
In der Moschee in Dascht-e Bartschi, dem großen Schiitenviertel im Westen von Kabul, hat sich am 20. Oktober ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. 71 Menschen starben. Es war der zweite Anschlag auf eine Moschee in Dascht-e Bartschi innerhalb von zwei Monaten. Die Vereinten Nationen sprechen von einem „verstörenden Trend“. Sie kommen seit Anfang 2016 auf zwölf Anschläge auf Schiiten in Moscheen mit 230 Toten und 459 Verletzten. Viele hat die sunnitische Terrormiliz IS für sich reklamiert.
Seit 2015 macht sich der IS in Afghanistan breit und hat die Bedrohungslage drastisch verschärft. Auch die Taliban kontrollieren wieder 13 Prozent des Landes. Deshalb will die Nato nach Jahren des Abzugs wieder zusätzliche Soldaten nach Afghanistan schicken. 2018 soll ihre Zahl von 13 000 auf 16 000 steigen.
„Bisher waren die Afghanen gegen Versuche, einen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zu erzeugen, ja weitgehend immun“, sagt der Ko-Direktor des Rechercheinstituts Afghanistan Analysts Network (AAN), Thomas Ruttig. „Aber durch die IS-Anschläge hat jetzt die Gewalt gegen Schiiten deutlich zugenommen, und das ist besorgniserregend.“ Die Aggressivität des neuen IS in Afghanistan wirft die Frage auf, ob das Land neben seinem Krieg mit den Taliban auch in einen Religionskrieg hineingezogen wird.
Es wirft auch die Frage auf, ob der IS so den fragilen Staat entlang ethnischer Gräben aufbrechen wird. Denn die Schiiten im Land sind fast ausnahmslos Hasara: eine ethnische Gruppe von sechs bis neun Millionen Menschen, die klagen, sie würden von Paschtunen und Tadschiken systematisch diskriminiert.
„Wenn die Regierung uns nicht schützt, dann müssen wir es eben selber tun“, sagt der Hasara-Abgeordnete Arif Rahmani. Er ist ein Anführer der Erleuchtungs-Bewegung, die „eine politische und wirtschaftliche Diskriminierung der Hasara“ anprangert. Sie bringt Tausende auf die Straße und hat viele Demonstrationen organisiert, auch in Deutschland, wo viele der Flüchtlinge Hasara sind.
Rahmani sagt, drei Szenarion würden nun unter Hasara diskutiert. Erstens: „Separation! Wir machen in den Hasara-Provinzen unser Hasaristan auf.“ Zweitens: „Hasara bewaffnen sich und verteidigen sich selbst.“ Drittens: „Die Fatemiun-Brigade kommt aus Syrien wieder und kämpft hier gegen den IS statt dort.“ Die Fatemiun-Brigade besteht aus Hasara, die für Syriens Präsidenten Assad kämpfen.
Die Furcht in der Regierung vor mehr ethnischer Zersplitterung ist groß. Auch um die Anführer der Hasara zu besänftigen, hat Präsident Ghani einer Moschee-Verteidigungsfront zugestimmt. 33 der 211 schiitischen Moscheen in Dascht-e Bartschi und dutzende in anderen Stadtteilen haben Waffen bekommen. „Jeweils fünf Wächter werden von der Polizei ausgebildet“, sagte der Polizeichef Mohammed Resa Kohi.
Gleichzeitig bekämpfen die Regierung und die USA den IS weiter an anderen Fronten – etwa an seiner Basis in der Provinz Nangarhar, wo die USA im April die größte nicht-nukleare Bombe abgeworfen hatten. An den Ängsten in Dascht-e Bartschi und am Misstrauen gegen die Regierung ändert das aber nicht viel. Es ist schon die Rede von Familienvätern, die Waffen kaufen. Überall hängen Banner mit Fotos der Opfer, an Moscheen, über Gassen und an Haustüren. Es ist eine ständige Erinnerung an die neuen, sehr tiefen Gräben in Afghanistan. Christine-Felice Röhrs