Die Ehrenvorsitzenden wollen den Wechsel

von Redaktion

Stoiber und Waigel zweifeln intern an Seehofer, halten sich aber öffentlich zurück – 62 Prozent für Rückzug

München – Die hohen Herren wirkten, als seien sie sich ihrer Sache sehr sicher. Ende März war es, also gut sieben Monate her, als Theo Waigel mit Nachdruck für Horst Seehofer warb. „Es spricht viel dafür, dass er die beste Lösung ist“, sagte der CSU-Ehrenvorsitzende. Seehofer werde 2018 die meisten Stimmen holen und die Partei am besten einen. Das verhindere Machtkämpfe. Der andere Ehrenvorsitzende, Edmund Stoiber, nannte Seehofer „das Zugpferd der CSU“.

Die Lage hat sich geändert, und zwar fundamental. Die beiden Ex-CSU-Chefs haben inzwischen ihre Unterstützung für eine Wiederwahl des Ministerpräsidenten eingestellt. Waigel und Stoiber sind nach Informationen unserer Zeitung unabhängig voneinander zur Ansicht gelangt, dass ein Wechsel an der Spitze der Staatsregierung unverzichtbar sei. Beide halten sich bisher mit öffentlichen Äußerungen zurück. Waigel sagte diese Woche nur, er wünsche der CSU „Gelassenheit, Ruhe und Überlegungen, wie die Dinge wirken und in welcher Konstellation man wirklich bestmöglich abschneiden kann“. Parteifreunde, die mit Waigel und Stoiber in den vergangenen Tagen intensiv gesprochen haben, vermitteln aber ein klares Bild: Es geht nicht mehr. Beide rechnen mit einer Ämterteilung.

Waigel hält die Variante für wahrscheinlich, dass Seehofer nach Berlin wechselt, ins Bundeskabinett eintritt und CSU-Vorsitzender bleibt. Also das Modell Waigel – er war von 1989 bis 1998 gleichzeitig Bundesfinanzminister und Parteichef. Dass Markus Söder dann in München Ministerpräsident würde, ist nicht Waigels Wunsch, er hält es aber nach Angaben von Vertrauten für alternativlos.

Stoiber hält auf Söder große Stücke und ist ebenfalls zur Erkenntnis gelangt, dass ein Kandidat Seehofer 2018 der Bevölkerung kaum mehr vermittelbar wäre. Intern soll Stoiber angeboten haben, massiv für Söder in den Landtagswahlkampf einzugreifen, gerade in Oberbayern.

Seehofer weilt zwar derzeit rund um die Uhr bei den Sondierungen in Berlin, seine Münchner Termine – sogar die nächste Kabinettssitzung – ließ er absagen. Der Sinneswandel der Ehrenvorsitzenden wurde ihm aber zugetragen. Hinter seinem Rücken werde da gegen ihn gearbeitet, soll er sich bei Stoiber beschwert haben – so schildern es mehrere CSU-Politiker. Seehofer hält es für unfair, ihn erst im Frühjahr zu einer erneuten Kandidatur aufzufordern, ihm dann in der sensibelsten Phase jetzt aber die Unterstützung zu entziehen.

Der dritte ehemalige Parteichef muss seine Meinung gar nicht ändern: Erwin Huber warb schon im Frühjahr für einen geordneten Übergang und war nach der Wahlklatsche am 24. September auch der erste Seehofer-Kritiker. „Jeder muss wissen, dass er nicht unersetzlich ist“, sagt der Niederbayer munter.

Die Nadelstiche gegen Seehofer gehen unterdessen weiter. Am Samstag tagt wieder der Bezirksvorstand Unterfranken. Drei prominente Mitglieder – Justizminister Winfried Bausback, Staatssekretär Gerhard Eck und die Berliner Staatssekretärin Dorothee Bär – hatten Seehofer in einem höflichen Brief nicht direkt zum Rückzug, aber zum „Brückenbauen“ aufgefordert, heißt es in Parteikreisen. Auch das hatte Seehofer nicht gerade erfreut. Bei den Bürgern hinterlässt das Spektakel Eindruck: Im ARD-„Deutschlandtrend“ sprachen sich 62 Prozent dafür aus, dass Seehofer nach dem Ende der Jamaika-Gespräche seinen Rückzug einleiten solle. Christian Deutschländer

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