Zehn Jahre iPhone in Deutschland

Smarter Rausch

von Redaktion

In Bayern hat es Tradition, Alltagsprobleme in Bier oder Promille umzurechnen. Sieben Halbe sind ein Schnitzel. Und der ehemalige Ministerpräsident Beckstein hat nur kurz nach Erfindung des iPhones den legendären Rat erteilt, dass es eher kein Problem ist, sich mit zwei Mass Bier im Bauch noch ans Steuer zu setzen. Inzwischen sagen Verkehrsexperten: Zwei Mass, das entspricht genau der Ablenkung durch die Tipperei auf dem Smartphone, während man den Irschenberg runter fährt – und nebenbei schaut, wie das Wetter gerade in Mumbai ist.

Das heißt: Smartphone plus Beckstein entsprechen vier Mass. Da wird’s endgültig kriminell. Aber trotzdem wird eine Sache noch immer verdrängt: Das Smartphone hat dem bayerischen Bier als Lieblingsrauschmittel längst den Rang abgelaufen. Wir alle sind süchtig nach diesen kleinen, schlauen Geräten. Wir nehmen sie mit ins Bett und zum Pfarrgemeinderat. Wir schauen im Schnitt 88 Mal am Tag aufs Display. Wenn wir das alles mit Bier machen würden, wir würden sofort eingeliefert werden. Aber der Smartphone-Rausch ist sozial weitestgehend akzeptiert, er wird von nahestehenden Angehörigen sogar unterstützt: Mütter verschicken Pflanzenfotos, Väter Witze. So ist es im Jahr 10 nach iPhone-Geburt. Wir sind Smartphone-Süchtige geworden und haben Spaß dabei. Es hätte schlimmer kommen können. Trotzdem gilt: Ausschalten muss sein. Lieber einmal mehr als einmal weniger.

Stefan Sessler

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