Natascha Kohnen

Bayern-SPD auf neuen Wegen

von Redaktion

von Mike Schier

München – Eine solche Pressekonferenz hat die oft behäbige Landespolitik lange nicht erlebt. „Love kills capitalism“ („Liebe tötet den Kapitalismus“) steht in pinken Buchstaben über dem Eingang des Buchladens an der Schellingstraße, der zugleich als Café dient. An den Tischen sitzen Studenten. Viele tragen Wollmützen, die meisten haben Kopfhörer auf. Vor allen steht ein Laptop. Daneben kauert ein nicht ganz so hippes Grüppchen Journalisten auf Hockern aus Pappe. Sie schreiben auf ihren Notizblöcken fleißig mit, als Natascha Kohnen ihnen erklärt, wie sie die CSU herausfordern will. Die Studenten schauen kurz herüber und tippen dann ungerührt weiter.

Kohnen hat den Ort im Uni-Viertel sorgfältig ausgewählt: Er zeigt, wo sie herkommt. Ein paar Meter weiter, hinter der Ludwigskirche, wuchs sie auf, ihr Weg zur Grundschule an der Türkenstraße führte an der Buchhandlung vorbei. Und er zeigt, wo die heute 50-Jährige hin will. Die SPD soll wieder moderner werden und hin zu den Menschen. Auch zu den jungen. Es ist ein Vorgeschmack auf eine Kampagne, an der Kohnen von der Öffentlichkeit unbemerkt seit Wochen bastelt.

In Berlin, wohin sie inzwischen wegen der Sitzungen des Bundesvorstands regelmäßig fliegt, saß Kohnen zuletzt häufiger mit Kajo Wasserhövel beisammen. Der 55-Jährige war einst die rechte Hand von Franz Müntefering, leitete 2005 den letzten Bundestagswahlkampf von Gerhard Schröder und beriet im Ude-Wahlkampf 2013 auch die Bayern-SPD. Zuletzt hatte er sich in der SPD rar gemacht, aber mit seiner Agentur „Elephantlogic“ entwirft er nun Kohnens Kampagne. Zu seinem Team gehört Holger Reise, früher SPD-Landesgeschäftsführer im Freistaat. Doch man muss kein ausgeprägter Kenner sein, um zu diagnostizieren, worin Kohnens Hauptproblem liegt: Die Kandidatin in spe hat gegenüber Seehofer, Söder oder Aigner ein massives Bekanntheitsproblem. Auch Kohnen weiß das.

Deshalb gibt sie jetzt Gas. Vergangene Woche traf sie sich in einem Café in der Nähe des Landtags mit Fraktionschef Markus Rinderspacher, einzig ernstzunehmender Konkurrent um die Spitzenkandidatur. Bei Caesar Salad und Spaghetti aglio e olio waren sich die beiden erstaunlich schnell einig, dass die Landeschefin Nägel mit Köpfen machen muss. Seit Monaten sei die Stimmung in der Partei „glasklar und eindeutig“ pro Kohnen gewesen, sagt Rinderspacher. Demonstrativ nimmt er im Buchladencafé neben Kohnen Platz – auch als Zeichen, wie geschlossen die SPD im Vergleich zur CSU ist.

Am Sonntag hatte sich der Landesvorstand überraschend eindeutig hinter der Landeschefin als Kandidatin versammelt. Viel früher als erwartet. Auch die Oberbürgermeister Dieter Reiter (München), Ulrich Maly (Nürnberg) und Thomas Jung (Fürth) signalisierten demonstrativ Unterstützung. Das war keineswegs immer so in der Bayern-SPD.

Mindestens genauso wichtig: In Hamburg trat Aydan Özoguz vor die Presse. „Ich habe mich entschieden, nicht wieder als stellvertretende Parteivorsitzende zu kandidieren, um Natascha Kohnen dieses Amt zu ermöglichen und unserer Partei im Süden wieder zur Stärke zu verhelfen.“ Damit ist der Weg für die Münchnerin frei, beim Parteitag im Dezember zur Vize-Vorsitzenden von Martin Schulz aufzusteigen. Seit Renate Schmidt war keiner aus Bayern so hoch in der SPD-Hierarchie. In Kohnens Strategie spielt das eine zentrale Rolle: Nicht nur, weil sie nun aus dem Willy-Brandt-Haus inhaltliche Zuarbeit bekommt. Als einzig neuem Gesicht in der Bundes-Spitze winken ihr vor allem Auftritte vor Millionenpublikum in den Talkshows. Fraktionschef Rinderspacher will ihr zudem im Parlament den Vortritt lassen: „Die große Bühne im Landtag wird jetzt Natascha Kohnen bespielen.“

Kohnen weiß, dass sie klare Kante zeigen muss. Mit der eigenen Partei geht sie hart ins Gericht: Sie sei im Industriezeitalter stecken geblieben. „Die SPD hat es nicht geschafft zu formulieren, wie wir uns die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts vorstellen.“ Bezahlbarer Wohnraum, die ständige Erreichbarkeit in der digitalen Arbeitswelt, die Sorge wegen mangelnder Integration von Zuwanderern.

Links will Kohnen sein, modern, unkonventionell und authentisch. „Politiker müssen reden wie normale Menschen“, sagt die zweifache Mutter und Biologin, die als Seiteneinsteigerin in der Politik landete. Irgendwann, wenn die Bayern sie mal kennen, sollen sie merken, „dass sie die ausgetretenen Pfade auch mal verlässt“, wie Markus Rinderspacher lobt. Die Pressekonferenz im hippen Uni-Viertel ist nur ein Anfang.

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