Es gibt Führungsämter, um die sich die Menschen nicht gerade reißen: Chef der Friedhofsverwaltung, Sprecher der Gefangenen-Gewerkschaft – oder Spitzenkandidat der Bayern-SPD. Christian Ude beispielsweise lehnte jahrelang dankend ab. Und als er sich 2013 am Ende seiner Karriere doch noch dafür entschied, musste er feststellen, dass auch der Glanz eines Münchner Oberbürgermeisters schon hinter Freising endet. Von daher überrascht vielleicht weniger, wie widerstandslos Natascha Kohnen den beinharten Job an der Polit-Front bekommen hat, sondern eher, dass sie ihn unbedingt haben will.
Die Voraussetzungen scheinen denkbar schlecht. Zwar gibt sich die CSU derzeit äußerst oppositionsfreundlich und verwendet ihre Kraft statt auf Regierungsarbeit auf Selbstzerfleischung. Doch die SPD profitiert davon nicht. Im Gegenteil: Die Genossen laufen einmal mehr Gefahr, Platz zwei der Parteien zu verlieren, nicht mehr an die Grünen, sondern an die AfD. Auch der Wechsel von Parteichef Florian Pronold zu Kohnen schien zu verpuffen. Die neue Vorsitzende musste ein schlechtes Bundestagswahl-Ergebnis erklären und wurde fortan wenig wahrgenommen. Von Aufbruch oder Erneuerung – in der SPD stark strapazierte Floskeln – war wenig zu sehen.
Nun zeigt sich: Unterschätzen sollte man Kohnen nicht. Hinter den Kulissen hat sie heimlich Hebel in Bewegung gesetzt. Ihr cleverer Griff nach dem Vize-Posten im Bund und ihre radikale Abrechnung mit der eigenen Partei könnten ihr mehr Aufmerksamkeit bescheren, als CSU-Strategen vermuten. Allerdings erschöpft sich Kohnens SPD-Kritik bislang auf das Offensichtliche, nämlich die Frage, ob die alte Dame SPD mit ihrer Politik im Jahr 2017 angekommen ist. Erfolg winkt Kohnen erst, wenn sie statt vager Floskeln konkrete Antworten liefert. So oder so: Ministerpräsidentin wird Kohnen eher nicht. Aber angesichts der bescheidenen Ausgangslage kann sie überraschen. Die leidgeprüfte SPD in Bayern ist genügsam geworden.
Mike Schier
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