Am Anfang stand die Hoffnung auf ein „Projekt“. Jamaika, schwärmten die Optimisten, könne gesellschaftliche Gräben überbrücken, Ökonomie und Ökologie versöhnen, Bürgerliche aller Couleur von schwarz über grün bis gelb vereinen. Doch da haben manche die Rechnung ohne ihre Wähler gemacht. Die bleiben unbeirrt bei ihren Überzeugungen stehen, die wendige Parteistrategen behände räumen. Heute, nach vier Wochen Sondierungen, ist das Land ernüchtert: Grandiose Brücken-Bauwerke sind nicht zu bestaunen, nirgends. Nur gähnende Abgründe. Und Sondierer am Rande des Nervenzusammenbruchs, die so viel Angst vor ihrer jeweiligen Basis haben, dass sie sich den Seiltanz über den tiefsten Graben, die strittigen Fragen von Migration und Familiennachzug für Flüchtlinge, erst in der allerletzten Verhandlungsnacht anzugehen trauen.
Ob das Vierer-Bündnis zustande kommt, wissen die Bürger also morgen früh oder auch erst in den Tagen darauf, wenn die Gremien von CDU, CSU, FDP und, im Falle der Grünen, ein Parteitag über den Start von Koalitionsgesprächen entscheiden müssen. Selbst wenn es dafür am Ende knappe Mehrheiten gibt, weil keiner schuld sein will, wenn das Land ohne Regierung dasteht, ist schon jetzt klar: Hier wächst zusammen, was nicht zusammengehört – und womöglich auch nicht vier Jahre lang zusammenbleibt. Zu groß ist aus Sicht aller beteiligter Parteien die Gefahr, ihr Profil vollends abzuschleifen und dafür beim nächsten Mal einen hohen Preis an der Wahlurne zahlen zu müssen. Egal ob es zu einem Jamaika-Bündnis oder zu Neuwahlen kommt: Die Republik rotiert fortan im Dauerwahlkampf.
Die Größe der Aufgabe schien selbst die Kanzlerin, die Hohepriesterin des pragmatischen Kompromisses, zu entmutigen: Merkwürdig unbeteiligt wirkte Angela Merkel während der Sondierungen. Derweil war die CSU vor allem mit sich selbst beschäftigt. Ihre nach außen zur Schau gestellte Kompromisslosigkeit ist ihrer tiefen Verunsicherung geschuldet – und dem Wissen, dass sie auf Hilfe durch die Kanzlerin nicht hoffen darf. Denn Merkel hat mit ihrer Politik die AfD groß gemacht. Und die CSU klein.
Georg Anastasiadis
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