Die Stimmung in der CSU ist derzeit noch trüber als das Novemberwetter. Die Partei verfügt über einen Vorsitzenden, den viele nicht mehr haben wollen, und einen äußerst ehrgeizigen Kronprinzen, den einige absolut, andere überhaupt nicht als geeignet für die Nachfolge sehen. In Berlin verhandelt sie über eine Koalition, die sie eigentlich nicht will. Und in Bayern steht sie vor einem Wahlkampf, den sie in dieser Konstellation kaum mit gutem Ergebnis abschließen kann. An die absolute Mehrheit glauben nur noch unverbesserliche CSU-Optimisten.
Wie sehr die Nervosität in der einst selbstbewussten Partei um sich greift, zeigen die harschen Reaktionen auf Ilse Aigners Idee einer Urwahl. Das Söder-Lager kocht. Die Wortwahl bleibt sonst dem politischen Gegner vorbehalten: Von „Leichtmatrosentum“ spricht das Schwergewicht Ludwig Spaenle, der Abgeordnete Florian Herrmann ordnet Aigner in die Kategorie „irgendwelcher Möchtegerns“ ein. Ihren Vorschlag, die Basis entscheiden zu lassen, hält er für „parteischädigend“. Das ist ein, nun ja, interessanter Ansatz im Umgang mit Mitgliedern.
Die Aufregung könnte nur das Vorspiel für den massiven Machtkampf sein, der der Partei droht. Viele aus der engeren Spitze stehen Markus Söder ablehnend gegenüber, könnten aber zu schwach sein, ihn zu verhindern. Egal, wer das Kräftemessen gewinnt – es droht in einer Schlammschlacht zu enden, die selbst den Stoiber-Abgang 2007 in den Schatten stellt. Und schon dessen Folgen waren für die Partei fatal. Das eigentliche Armutszeugnis bei all dem Spektakel: In der Debatte spielen politische Positionen keine Rolle, allenfalls geht es um Stilfragen. Stattdessen werden rein persönliche Machtinteressen verfolgt. Ob die Wähler das am Ende goutieren?
Mike Schier
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