Berlin – Die Lage ist ernst, da wird sich Angela Merkel nach den zermürbenden Verhandlungen keine Illusionen machen. Immer wieder ziehen sich die Verhandlungsführer der Jamaika-Parteien auch am Sonntag zurück. Dazwischen werden nur ganz wenige Vertraute von der CDU-Chefin informiert, selbst die Delegationen müssen lange ohne Information zum Stand der Dinge ausharren. Zwar hatten sich die Jamaika-Unterhändler von CDU, CSU, FDP und Grünen eine Frist bis 18 Uhr zur Entscheidung gesetzt. Aber dann geht es doch wieder in die Verlängerung.
Am Nachmittag heißt es zunächst, man komme voran. Später klingt es dann wieder zurückhaltender, man sei immerhin noch nicht gescheitert. Später meldet das Sondierungs-Barometer, die Beratungen würden eher nicht scheitern. Aber eben nur „eher“: Alles sei offen. Selbst verhandlungsgestählte Mitarbeiter berichten bei so viel Spannung von einer Art Lagerkoller.
Es dringt nach draußen, die CSU-Seite um Parteichef Horst Seehofer habe sich festgelegt, beim Thema Migration bei ihrer Begrenzungslinie zu bleiben. Kein Familiennachzug und keine Abstriche am Migrationspapier mit der CDU. Ob sich die CSU und auch die FDP, die sich angeblich auf die Seite der Hartnäckigen geschlagen hat, damit beim Familiennachzug einen Gefallen tun? Sollte eine Koalition scheitern und es auf Neuwahlen zulaufen, wird die bis März 2018 befristete Aussetzung automatisch auslaufen. Konsequenz: Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus hätten wieder ein Recht auf Familiennachzug.
Gegen 16.30 Uhr teilen Sicherheitsleute einen Bereich in der baden-württembergischen Landesvertretung ab, es werden fünf Mikrofone platziert. Man wird sich hier äußern, soll das wohl bedeuten. Alle Seiten hätten ja schon vorher klar gemacht: Es wird eine Entscheidung geben, so oder so. Bis in die Nacht kommt aber keiner der Verhandlungsführer mehr vor die Mikrofone.
Einblicke ins Sondierungstreiben gibt es nur durch bodentiefe Fenster. Man sieht, wie im Foyer Unterhändler von einer Runde zur nächsten wechseln. Die Kanzlerin kommt aus dem ersten Stock herunter, wo die Spitzenrunde zusammensitzt. CDU-Vize Thomas Strobl diskutiert mit einem wild gestikulierenden Winfried Kretschmann (Grüne), dem Hausherren. Draußen, auf der anderen Straßenseite, harrt ein Grüppchen Kohlekumpel aus der Lausitz aus und singt das Steigerlied. Es ist ein kleiner Protest gegen den möglichen Kohleausstieg.
Merkel ist zu Beginn des Sondierungs-Finales am Vormittag ganz ohne Stellungnahme gekommen. Sie hat es eilig, vor der Tür spricht gerade Seehofer seine Bewertung der Lage in die Kameras. Als Merkel mit ihrem Tross vorbeirauscht und ihm kurz zunickt, dreht sich Seehofer noch nicht mal um. Die Szene ist symptomatisch: Der CSU-Chef und seine Partei waren angesichts des derzeitigen Machtkampfs Teil der größten Probleme bei der vierten und wohl schwersten Regierungsbildung, die Merkel bewältigen muss.
Auch Grüne und FDP legen sich immer wieder quer. Falls Merkel und ihre Partei alleine verhandeln könnten, wäre die Sache schon seit Tagen geritzt, glauben manche. Bei der CSU glauben sie offenbar, dass sie ohne einen 100-Prozent-Erfolg gar nicht erst in die heimische Landtagsfraktion in München kommen müssten. Dort gibt es die Sorge, eine Koalition mit den Grünen auf Bundesebene würde einen Landtagswahlkampf gegen die Ökopartei 2018 in Bayern fast unmöglich machen. Das Grünen-Spitzenduo wiederum hat Angst, am kommenden Samstag beim Parteitag durchzufallen, wenn es darum gehen dürfte, das Okay der Basis für den Einstieg in Koalitionsverhandlungen zu bekommen. Und die FDP tut so, als ob sie bei einem Scheitern ganz entspannt in Neuwahlen gehen könnte. In Teilnehmerkreisen haben manche den Eindruck, Lindner lege es regelrecht darauf an.
Kommt es am Ende doch zu Koalitionsverhandlungen und einer bisher noch nie da gewesenen schwarz-gelb-grünen Bundesregierung, dürfte die große Frage sein, wie so unterschiedliche Partner Vertrauen aufbauen können. Was macht Schwarz-Gelb-Grün etwa, wenn es ernst wird und eine Handlungsanleitung für ein plötzliches Problem nicht im Koalitionsvertrag steht? Wer nach der Bundestagswahl gehofft hatte, mit einem Jamaika-Bündnis ziehe ein Schuss exotischer Lockerheit in die deutsche Politik, der dürfte längst enttäuscht sein. Zu hart waren die Verhandlungen, zu verletzend manche Äußerungen von Beteiligten.