Deutschland vor einer Hängepartie

Keine Panik

von Redaktion

Deutschland ist mit dem Scheitern von Jamaika politisiert wie selten: In der S-Bahn und am Stammtisch diskutiert man intensiv über Politik. In den (a)sozialen Netzwerken sowieso. Es wird gestritten, geschimpft und lamentiert – und nicht selten Panik geschürt. Übrigens auch von politischen Kommentatoren, die schon von Staatskrise sprechen. Dabei gehört es zum normalen demokratischen Prozedere, dass Parteien eine Zusammenarbeit sondieren, aber am Ende auch mal zu keinem Ergebnis kommen. Das mag man bedauern, aber man sollte es nicht dramatisieren.

Aktuell verfügt die Republik auch für eine längere Übergangsphase über eine stabile, funktionierende Regierung, über die viele andere Staaten glücklich wären. Die Niederlande haben sieben Monate lang keine Regierung gefunden, in Österreich muss die ÖVP mit der FPÖ verhandeln. Man blicke ins ewig unruhige Italien, Tschechien bekommt wahrscheinlich eine Minderheitsregierung. Von den Briten (Brexit) und den USA (Trump) ganz zu schweigen. Im Vergleich dazu erscheint Deutschland auch Ende 2017 wie ein Hort der Stabilität.

Natürlich kommen auf das Land einige unbequeme Wochen zu. Die Parteien tendieren erstaunlich rasch Richtung Neuwahlen – sie sollten sich noch einmal überlegen, ob dabei wirklich ein für sie besseres Ergebnis zu erwarten wäre. Doch die Wirtschaft sieht selbst einer längeren Hängepartie erstaunlich gelassen entgegen: Euro und Dax reagierten gestern jedenfalls nur kurzzeitig. Die Entscheider wissen, dass unser Land allen Aufgeregtheiten zum Trotz seit Jahren boomt – niedrige Arbeitslosigkeit und volle Staatskassen eingeschlossen. Daran werden auch ein paar Wochen voller politischer Hemdsärmligkeiten in Berlin nichts ändern. Gott sei Dank.

Mike Schier

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