Angela Merkel in Not

Entzaubert

von Redaktion

Politische Macht hat eine eigene Magie. Höchste Ämter und ihre Äußerlichkeiten, manchmal Charisma des Inhabers, dazu die Deutungshoheit, im Nachgang Handeln und Nichthandeln zu Strategie zu verklären, können eine Art Zauberteppich um Politiker weben. Bei Angela Merkel war das ein Jahrzehnt lang so, dabei kann ihr niemand vorwerfen, das durch Eitelkeit befördert zu haben. Seit zwei Jahren aber löst sich diese Magie in der Innenpolitik auf. Die Kanzlerin entzaubert sich und wird entzaubert. Zuletzt mit ihrer krachend gescheiterten Regierungsbildung verglüht auch das Vertrauen in ihren stillen, defensiven Politikstil des Zuwartens und Aussitzens. Was früher als unbeirrbar und besonnen gelobt wurde, gilt nun als matt und müde.

Mit der Magie wird die Macht schwinden. Merkel muss sich in den kommenden Monaten auf eine demütigende Partnersuche unter Unwilligen begeben. Im Parlament vielleicht um wechselnde Mehrheiten bitten, mit Formalien einer Neuwahl entgegenschlingern. Gleichzeitig muss sie jeden Moment argwöhnisch beäugen, ob ihr die eigene Partei, die kreuzbrave CDU, weiter talabwärts folgt. Ob eine Nach-Seehofer-CSU, die Messer noch blutig, sich gegen sie zu wenden beginnt. Ob die SPD eine Koalition anregt ohne diese ewige Kanzlerin. Merkels schnelle, für ihren Politikstil atypische Erklärung des Wiederantretens dient ja nur dem Zweck, einer Abtritts-Forderung der Genossen zuvorzukommen.

Was Merkel vorerst schützt, ist kurioserweise ihr größter Fehler: keine Nachfolger aufgebaut, noch nicht mal zugelassen zu haben. Sie ist bisher getragen von temporärer Alternativlosigkeit. Das mag für eine Weile reichen, ist aber kein Fundament, sondern eine Eisdecke.

Christian Deutschländer

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