Die Häme, mit der die SPD die schwierigen Jamaika-Verhandlungen bis Sonntag begleitete, ist mit dem Scheitern jäh verstummt. Plötzlich steht die Partei, die keine Große Koalition, aber erst recht keine Neuwahlen will, vor massiven Problemen. Schon am Tag 2 nach dem Abbruch der Verhandlungen schwillt das Grummeln unter den Genossen an. Nicht nur in Berlin, wo einige auf neue Regierungspöstchen spechten. Nein, insgesamt wächst die Sorge, dass sich pauschale Verweigerung bei Neuwahlen rächt.
Der plötzliche Druck wirft die ganzen schönen Pläne der Selbstfindung über den Haufen. Die sozialdemokratische Seele muss zu einem späteren Zeitpunkt gestreichelt werden. Das Dumme: Die SPD befindet sich mit der Aufarbeitung ihres Wahldebakels noch im Anfangsstadium. Die Posten in der Fraktion wurden zwar getauscht, neue Inhalte aber noch nicht diskutiert. Käme es tatsächlich zu Neuwahlen, wäre die SPD die erste Partei in der deutschen Geschichte, die gleichzeitig als Regierung der Mitte und linke Oppositionspartei in den Wahlkampf zieht.
Völlig offen wäre zudem die Frage, wer vorneweg marschiert. Martin Schulz sitzt innerparteilich erstaunlich fest im Sattel, das haben die Regionalkonferenzen gezeigt. Nur: Ist ein 20,5-Prozent-Mann, der einen Journalisten wochenlang die eigene Hilf- und Machtlosigkeit dokumentieren ließ, der richtige Kandidat für einen zweiten Anlauf? Das provoziert sofort die Gegenfrage: Wären Olaf Scholz, Manuela Schwesig oder Andrea Nahles derzeit besser vermittelbar? Bislang haben die Genossen auch diese Fragen nicht einmal diskutiert. Kein gutes Zeichen.
Mike Schier
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