Berlin – Der Aufschrei um den Spruch geht fast unter. Schon am Donnerstag hatte die FDP eine Grafik („Lieber nicht regieren als falsch“) erstellt, erst am Sonntag stiegen die Liberalen offiziell aus den Jamaika-Sondierungen aus. Mittlerweile hat die FDP erklärt, mehrere Versionen vorbereitet zu haben (auch: „Ein Anfang ist gemacht“) – Potenzial für einen Skandal hatte die Sache ohnehin nicht.
Vielmehr geht es darum, wer in der Öffentlichkeit als Schuldiger dasteht. Damit es nicht die Liberalen sind, gibt FDP-Chef Christian Lindner seit Sonntagmitternacht Vollgas. Ein Brief an die Mitglieder. „Nach vier Wochen lag nur ein Papier mit zahllosen Widersprüchen vor“, erklärt er darin. Punkte, in denen man sich einig wurde, hätten die Bürger teuer bezahlt – so die Lindner-Version.
In einem Interview mit der FAZ legt der FDP-Chef nach. „Zu keinem Zeitpunkt“ seien die Sondierer so weit gewesen, um an eine Regierungsbildung zu denken. Er spricht von einem „weltanschaulichen Unterschied, der zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht überbrückbar war.“ Die FDP hätte Mehrheitsbeschaffer für ein schwarz-grünes Bündnis sein sollen, sagt er.
Noch am Sonntagabend habe die Bundeskanzlerin „einen zwischen Union und FDP gefundenen Kompromiss aufgelöst, um den Grünen entgegenzukommen. Das war symptomatisch für die Verhandlungen.“ Angela Merkel habe darauf gesetzt, am Ende unter Druck Ergebnisse zu erzielen. FDP-Präsidiumsmitglied Volker Wissing sagte der Heilbronner Stimme: „Die Kanzlerin dachte wohl, dass uns Ämter so sehr reizen, dass wir unsere Inhalte hinten anstellen. Das hat uns am Ende auch sehr verletzt.“
War Merkel der Hauptgrund? „Es macht keinen Sinn, die Schuld Einzelnen zuzuweisen“, sagt Lindner. Eine Jamaika-Koalition sei auch ohne Merkel nicht möglich gewesen. Die Grünen waren das Problem, verbreitet der FDP-Chef: „Hätte es eine schwarz-gelbe Mehrheit gegeben, hätten wir eine Koalition gebildet.“ Die Grünen schießen verbal zurück. Parteichef Cem Özdemir wirft der FDP im Stern vor: „Sie wollte den Bruch und suchte den Punkt, mit dem sie das gut begründen konnte. Sie hat diesen Punkt bis zuletzt nicht gefunden.“
Der Wettstreit zwischen Grünen und FDP ist seit Sonntagabend entbrannt – keine der beiden Parteien will beschädigt aus dem Ende der Sondierungen hervorgehen. Lindner vernimmt eine „offensichtlich tief sitzende Abneigung der Grünen gegenüber den Freien Demokraten“. Nachdem FDP-Generalsekretärin Nicola Beer erneute Verhandlungen nicht ausschloss, griff Lindner ein. „Auf absehbare Zeit ist eine Zusammenarbeit mit den Grünen auf Bundesebene nicht vorstellbar“, betonte er gegenüber Spiegel Online. Die Jamaika-Koalition ist vorbei, bevor sie angefangen hat. Offen bleibt, wer Schuld hat. sebastian raviol