Für die Vereinten Nationen ist die Verurteilung des ehemaligen serbischen Militärführers Ratko Mladic das Ende eines historischen Prozesses. 22 Jahre nach dem Vernichtungskrieg in Bosnien-Herzegowina haben die Richter in Den Haag das letzte Kapitel zu den schlimmsten Verbrechen auf europäischem Boden seit Ende des Zweiten Weltkriegs geschlossen. Das Urteil zu lebenslanger Haft ist richtig, setzt aber allenfalls einen juristischen Schlusspunkt. Den Aussöhnungsprozess in dem tief gespaltenen Land kann kein Gericht der Welt übernehmen.
Die Angst vor Täter- und Opferrollen ist bei Bosniaken, Serben und Kroaten so groß, dass in dem Land noch immer kollektive Verdrängung herrscht. In Bosnien-Herzegowina werden die gut dokumentierten Verbrechen von vielen geleugnet oder ignoriert, selbst wenn neue Massengräber auftauchen. An den Schulen werden unterschiedliche Geschichten des Kriegs erzählt, Kinder ethnisch getrennt erzogen und Kriegstreiber als Volkshelden gefeiert. Die fehlende Bereitschaft des Staates, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen, erhöht die Gefahr, dass alte Gräben erneut aufbrechen. Das Balkan-Land bleibt selbst nach dem Ende des UN-Tribunals ein mahnendes Beispiel, wie zerbrechlich Frieden ist – auch in Europa.
Sebastian Dorn
Sie erreichen den Autor unter
Sebastian.Dorn@ovb.net