UN-Tribunal

Lebenslang für den „Schlächter“

von Redaktion

von Annette Birschel und Thomas Brey

Den Haag/Belgrad – Nach einer knappen Stunde platzt dem Richter der Kragen: „Sie werden jetzt aus dem Gerichtssaal entfernt“, fährt Alphons Orie den Angeklagten an. Der pöbelt trotzdem weiter lautstark rum. „Lüge!“, schreit Ratko Mladic, 75, im Sitzungssaal. „Alles Lüge!“ Dann bringen Wachen ihn raus.

Die Szene ist typisch für den bosnisch-serbischen Ex-General und sie ist typisch für diesen langen und letzten Völkermord-Prozess des UN-Kriegsverbrechertribunals zum Jugoslawien-Krieg in Den Haag. Mladic war zwar im dunklen Jacket mit mit roter Krawatte zur Urteilsverkündung erschienen. Doch ob Uniform oder nicht, er gibt immer den General.

Als eine Art Gott im Kampfanzug hatte Mladic, der „Schlächter vom Balkan“, vor gut zwei Jahrzehnten im Bosnienkrieg über das Leben von Zehntausenden bosnischen Muslimen und Kroaten entschieden. So jemand will keinen Befehl akzeptieren. Und schon gar nicht von einem Gericht, das er als „Handlanger des Westens“ sieht.

Was war geschehen? Die Verteidiger hatten nach einer langen Toilettenpause von Mladic erklärt, dass er einen zu hohen Blutdruck habe. Die Verlesung des Urteils müsse stark gekürzt oder abgebrochen werden. Die Richter lehnten das ab – und Mladic explodierte. Erst dann lief sein Gesicht gefährlich rot an. Es half ihm nicht. Nach rund fünf Prozess-Jahren wurde er zur Höchststrafe verurteilt: lebenslange Haft.

Mehr als 1700 Seiten lang ist die Begründung des Urteils. Es listet die Schrecken eines vier Jahre dauernden Krieges auf, der gut 100 000 Menschen das Leben kostete.

Richter Orie schilderte ein letztes Mal Szenen des Grauens: Die Frau, die in Sarajevo auf dem Weg zum Markt von einem Scharfschützen erschossen wurde. Die Kugel durchbohrte ihren Körper und traf auch ihren 7-jährigen Sohn tödlich. Die junge Frau, die wochenlang von Soldaten vergewaltigt wurde. Die Männer, die gezwungen wurden, von einer Brücke zu springen. Dann eröffneten die Serben das Feuer auf sie. 28 starben. Nur einer überlebte.

Bis heute ist es unfassbar, dass nach 1945 in Europa solche Verbrechen verübt werden konnten. Gerade das Massaker von Srebrenica, bei dem 8000 Männer und Buben ermordet wurden, bleibt das Symbol für internationales Scheitern. Die Weltgemeinschaft hatte den Völkermord nicht verhindert und die niederländischen UN-Blauhelmsoldaten hatten sich kampflos ergeben.

„Wir sind weder zufrieden noch glücklich mit dem Urteil“, sagte die Präsidentin der „Mütter von Srebrenica“, Hatidza Mehmedovic, dem Belgrader TV-Sender N1. Denn niemand würde wieder lebendig. „Du schaust auf den Mann und weißt nicht, ist das ein Mensch oder ein Biest. Diese getöteten Kinder wurden aus den Schulbänken gerissen, sie hatten das Leben nicht mal kennengelernt.“

Für Chefankläger Serge Brammertz ist das Urteil „ein Meilenstein in der Geschichte der internationalen Justiz“. Doch auch er sagt: „Bis zu einer Versöhnung muss noch viel geschehen.“ Es ist das letzte Völkermord-Urteil des UN-Tribunals, doch Krieg und Hass sind noch längst nicht Geschichte. Der Völkermord, die Vertreibung der bosnischen Muslime und Kroaten – das wirkt noch immer nach.

Mladic jedenfalls glaubt bis heute an den für ihn fast heiligen Auftrag: die Schaffung von Groß-Serbien. Viele in Serbien verehren ihn als Helden. Der bosnische Serbenführer Milorad Dodik sagte gestern: „Das Urteil wird den Standpunkt des serbischen Volkes bekräftigen, dass General Mladic ein Held und Patriot ist“. Kein Held, sagt Chefankläger Brammertz, „Er ist ein Massenmörder“.

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