„Nach Mladic sind Schulen benannt“

von Redaktion

München – Der ehemalige serbische Militärchef Ratko Mladic, 75, ist gestern wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die Historikerin Marie-Janine Calic erklärt, warum er dennoch von vielen gefeiert wird.

-Frau Calic, in den Augen der Welt ist Mladic ein Kriegsverbrecher. Wie sehen das seine Landsleute?

In der bosnischen Serbenrepublik Srpska (die zu Bosnien-Herzegowina gehört, Anm. d.Red.) gilt er als Kriegsheld, der sein Volk vor der Vernichtung bewahrt hat. Nach ihm sind Schulen und Straßen benannt. In Serbien selbst ist das etwas anders. Die Verbrechen der bosnischen Serben werden anerkannt, wenn auch nicht als Genozid.

-Man kann T-Shirts mit Mladics Konterfei kaufen. Warum diese Verklärung?

Der Krieg wirkt noch immer nach. Die politischen Eliten in Bosnien-Herzegowina sind verhakt in Konflikten, die sie schon zu Kriegsbeginn ausgefochten haben. Das macht es schwer, die Ereignisse hinter sich zu lassen. Mladic gilt vielen als Gründungsvater der bosnischen Serbenrepublik. Würde man ihn fallen lassen, stünde plötzlich auch die Legitimität des Staates in Frage.

-Der Krieg ist seit über 20 Jahren vorüber. Wird er zu wenig aufgearbeitet?

Nichts von dem, was geschehen ist, ist unbekannt, auch die Massaker an den Bosniaken nicht. Es geht um Bewertungen. Und die offizielle Bewertung der Taten Mladics geht so: Man sagt, die Bosniaken hätten einen Genozid gegen die Serben geplant, die deshalb einen Verteidigungskrieg geführt hätten. Daraus entsteht ein Opferdiskurs, den die heutigen Polit-Eliten instrumentalisieren und weiterspinnen. Auch um von Problemen wie Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsmisere abzulenken.

-Mladic hat bis zuletzt keine Reue gezeigt. Wie erklären Sie sich das?

Er betrachtet seine Verbrechen meines Erachtens als soldatische Pflichterfüllung. Die Mittel, die er eingesetzt hat, stellt er daher auch nicht in Frage.

-Dem Tribunal wurde oft vorgeworfen, gegen Serbien zu arbeiten…

… und das Gericht hat einiges dafür getan, dass dieser Vorwurf aus Sicht der Serben plausibel erscheint. Es gab Freisprüche etwa gegen den kroatischen General Ante Gotovina, dem Kriegsverbrechen gegen Serben vorgeworfen wurden. Außerdem wurden bislang aus verschiedenen Gründen kaum Kosovoalbaner verurteilt. So entsteht der Eindruck einer Einseitigkeit, die so nicht gegeben ist.

-Kann das Mladic-Urteil zur Versöhnung von Serben und Bosniaken beitragen?

Vielleicht eher zur Normalisierung ihrer Beziehungen. So ein Urteil zeigt, dass man Schuld individualisieren kann, und es durchbricht die Spirale kollektiver Schuldvorwürfe. Nicht alle Serben sind Mörder – und auch unter ihnen gab es Opfer.

Interview: Marcus Mäckler

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