Rom – Er ist wieder da. Wer dieser Tage durch die Talkshows der großen italienischen Fernsehsender zappt, reibt sich verwundert die Augen: kaum ein Abend ohne Silvio Berlusconi. Stolz, gut gelaunt und frisch geliftet thront er in irgendeiner Studiokulisse, um sich von devoten Stichwortgebern die Bälle zuspielen zu lassen. Im leibhaftigen Angesicht des Ex-Cavaliere scheint der kritische Journalismus in Italien abzudanken. Es mutet an wie eine Zeitreise zurück in die wilden 90er-Jahre, als unter seiner Dauer-Regentschaft Italiens Wirtschaft genauso boomte wie Korruption, Filz und Bunga-Bunga.
Die Silvio-Show ist zurück. Wie in seinen besten Jahren versteht es der 81-Jährige, die Zuschauer mit seinem Altherrencharme einzulullen und sich als die bessere Alternative zum real existierenden politischen Chaos in Rom zu verkaufen. Noch bis vor einem Jahr galt der mehrmalige Regierungschef als Persona non grata. Politisch gescheitert, in Korruptionsverfahren und Sex-Affären verstrickt, wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Ein Jahr stand er in seiner Villa außerhalb Mailands unter Hausarrest und musste – als Ersatz für eine Haftstrafe – in einem Altenheim Sozialarbeit leisten. Wegen seiner Verurteilung flog er aus dem Senat und ist lebenslang für die Kandidatur politischer Ämter gesperrt.
Doch das Blatt hat sich gewendet, und das hat mehrere Gründe. Da ist die öffentliche Selbstzerfleischung des regierenden Partito Democratico, gegen die sich der Machtkampf in der CSU wie ein Kindergeburtstag ausnimmt. Die Aufspaltung von Matteo Renzis Sozialdemokraten und der damit einhergehende Exodus führender Spitzenpolitiker stellt alle politischen Rechnungen auf den Kopf. Spätestens im Frühjahr muss Italien ein neues Parlament wählen. Galt bisher als ausgemacht, dass die Spitzenkandidaten Matteo Renzi (PD) und Luigi di Maio (Movimento 5 Stelle), der Zögling des Erzpopulisten Beppe Grillo, das Rennen um das Amt des Premiers unter sich ausmachen, so zeigt die fortdauernde Demontage Renzis Wirkung. Der PD käme laut Umfragen nur noch auf Platz drei, während die Grillini und die rechte Allianz um Berlusconis Forza Italia um den Spitzenplatz konkurrieren.
Für Silvio Berlusconi ein Geschenk des Himmels: Er inszeniert sich nun als Einziger, der das Land vor den Populisten Grillos retten kann; damit, so sein Kalkül, kann er das zersplitterte bürgerliche Lager um sich scharen und zur stärksten Kraft machen. Dass sein Bündnis auch die Rechtspopulisten der Lega und die Neofaschisten umfasst, geht dabei fast unter.
Für die Vollendung seines Comebacks gibt es nur ein Hindernis, und das liegt in Straßburg. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wird derzeit eine Klage der Forza Italia gegen das Verbot Berlusconis verhandelt, für politische Ämter zu kandidieren. Ingo-Michael Feth