Die Briten sind empört! Künftig sollen die Metropolen der Insel nicht mehr berücksichtigt werden, wenn Brüssel die Kulturhauptstadt des Kontinents ernennt. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon ist „absolut bestürzt“, der Unterstaatssekretär für Kunst nennt die Entscheidung „verrückt“. Die maximale Aufregung über ein doch eher minimales Problem beweist, dass die banalen Folgen des eigenen Referendums bis heute auf der Insel nicht verstanden werden: Brexit heißt eben nicht nur, dass man künftig selbst über die von vielen als Belastung empfundenen Billigarbeiter aus Osteuropa entscheiden darf oder keine unschönen Rechnungen in Brüssel begleichen muss. „Brexit“ heißt auch, dass man auf sämtliche Vorzüge der Union verzichten muss.
Klar ist: Am 29. März 2019, 23 Uhr britischer Zeit, wird Großbritannien die EU verlassen. Offenbar glaubt London aber immer noch, sich bis dahin ein paar Kirschen vom Kuchen in Brüssel picken zu dürfen. Das harte Vorgehen der Kommission in Sachen Kulturhauptstadt liefert nur einen weiteren Vorgeschmack, dass es dazu nicht kommen wird. Der Grund ist einfach: Nur wenige Wochen später findet 2019 die nächste Europawahl statt. Wenn dann Länder wie Ungarn, Polen oder Tschechien, allesamt keine glühenden Europäer, am Beispiel des Brexits sehen, dass man die Vorteile bei einem Austritt behalten kann, droht ein Exodus. Allein um dies zu verhindern, wird Brüssel an London ein Exempel statuieren.
Mike Schier
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