AfD-Landesparteitag

Wahlkrimi am rechten Rand

von Redaktion

von Sebastian Dorn

Greding – Wie gefährlich die Vorstandswahlen sind, zeigt sich schon am Eingang. Vier Pfeffersprays, zwei Taschenmesser, ein Dolch – es ist eine beachtliche Ausbeute, die die Kontrolleure den AfD-Mitgliedern aus den Taschen fischen. Ihre schärfste Waffe dürfen die Gäste aber mit rein nehmen: das Stimmrecht, mit dem sie ordentlich austeilen können.

Das Signal der bayerischen AfD in Greding ist klar: Harmonie lassen wir uns nicht überstülpen, wir halten nichts von Absprachen, wir verlassen uns auf die Basisdemokratie. Ein ehrbarer Ansatz, der aber an Grenzen stößt, wenn man die vielen Strömungen der Partei auch im Vorstand abbilden will, viele Anwesende aber nur nach der Qualität der Antrittsreden abstimmen und die Querelen und Zusammenhänge im Hintergrund nicht kennen. So kommt es, wie es schon oft gekommen ist in der AfD: Die Rechtsaußen versuchen mit einem Überraschungsangriff, zu überholen.

Dabei fängt alles so gepflegt an. Über 500 Leute kommen ins „Hippodrom“ in Greding, eine Art 365-Tage-Bierzelt, bloß mit gemauerten Wänden. Die Männer sind in der Überzahl, viele tragen Anzug. In den Anträgen geht es um bürokratische Fragen und Satzungsdetails, man kann sagen: Die Versammlung ist genauso langweilig wie bei jeder anderen Partei. Nur ein Unterschied: die Wortwahl. Ex-Landeschef Petr Bystron nutzt in seiner Abschiedsrede den berühmten Gauland-Jargon, spricht vom „Jagen“ der Regierung und dem „Entsorgen“ der SPD-Frau Aydan Özoguz. Das gefällt den Anwesenden, sie klatschen laut. Später fragt die Sitzungsleitung nach einem „Erschießungskommando“, wenn nicht bald Ruhe sei im Saal. Aber natürlich wie immer bei AfD-Ausrutschern: alles nicht so gemeint.

Nach sieben Stunden ist dann Schluss mit der Harmonie. Das gemäßigte Lager um Gerold Otten hatte Martin Sichert den Chef-Posten überlassen (siehe Porträt in der Randspalte) – mit dem inoffiziellen Deal, Otten gemeinsam als ersten Vize zu wählen. Doch dann kandidiert plötzlich Edeltraud Schwarz (Kreis Weilheim-Schongau), in der Absprache einen Platz weiter hinten vorgesehen, erhält überraschend viele Stimmen, zwingt Otten in die Stichwahl, gewinnt – und scheitert nur am Amt, weil sie knapp die absolute Mehrheit verpasst. Ein gut vorbereiteter Angriff, der die Stimmung im Saal am Samstagabend in den Keller rauschen lässt.

Die „Alternative Mitte“ ist aufgeschreckt. „Eine Katastrophe“, sagt eine aus dem Führungszirkel. Schlägt der national-konservative, in Tendenzen auch völkische „Flügel“ zu? Am Abend wird eilig eine Krisensitzung beim Italiener einberufen, über Nacht sollen noch Unterstützer mobilisiert werden. Am Sonntag wird der Wahlmodus geändert, die Vizes sollen doch im Block bestimmt werden – eine Notbremse, mit der es noch gelingt, den befürchteten Dominoeffekt hin zu einer Strömung zu verhindern und die Vize-Posten halbwegs ausgewogen zu vergeben. „Flügel“-Unterstützer werden am Sonntag gewählt, aber auch Gemäßigtere.

Bystron bekommt den Wahlkrimi zwischen Otten und Schwarz vom Abend übrigens gar nicht mehr mit – er verlässt die Sitzung vorzeitig Richtung Hotel. Die Mitglieder bejubeln ihn am Vormittag wie immer, weil er gut reden kann, aber das Tohuwabohu in der Führungsebene am Abend? Interessiert ihn nicht mehr so recht. „Ich will mich auf Berlin konzentrieren“, sagt er und kündigt an, beim Bundesparteitag in Hannover für den Vorstand zu kandidieren, wahrscheinlich als Beisitzer. Langer Applaus. Bystron wäre dann die Stimme Bayerns in Berlin, die Stimme des stärksten AfD-Verbands in Westdeutschland (12,4 Prozent). Es wäre ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter.

Die Probleme im Landesverband muss jetzt jemand anders lösen. Der AfD bleiben zehn Monate bis zur Landtagswahl, und das Programm ist noch nicht fertig. Einige Redner kündigen ihre Kandidatur für einen Sitz im Maximilianeum bereits an. 15 Prozent „plus X“ sei das Wahlziel, manche reden sogar von 20 Prozent. Selbstbewusstsein ist jedenfalls vorhanden.

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