München – Am Mittwochnachmittag, halb vier, saßen sie noch friedlich nebeneinander auf der Regierungsbank. Die Hände brav gefaltet über ihren Aktenstapeln, tuschelten Joachim Herrmann und Markus Söder vertraut während einer langweiligen Landtagsdebatte. Was Herrmann wusste, Söder aber nicht: Aus den beiden Ministern könnten in Kürze die härtesten Konkurrenten um die Macht in Bayern werden.
Eine gute Stunde nach dem Plausch platzte in das Treiben im Landtag die Nachricht, dass Herrmann die Kampfabstimmung gegen Söder um die Spitzenkandidatur zur Wahl 2018 suchen soll. Bei einem Geheimtreffen in der Staatskanzlei hatten sich am Montag mehrere Söder-Gegner auf Herrmann geeinigt. Er lehnte nicht ab, erbat sich aber Bedenkzeit.
Zwei Franken im offenen Wettstreit um das Amt des Ministerpräsidenten – in der eh schon aufgeregten Fraktion schlug das ein wie eine Bombe. Bis tief in den Abend waren aufgewühlte Abgeordnete, konspirierend und telefonierend, im Maximilianeum zu beobachten. Von einem „Geheimbund“ schimpfte einer, andere warfen Horst Seehofer als Organisator des Anti-Söder-Treffens „Falschspielerei“ vor. Am drastischsten äußert sich der Abgeordnete Ernst Weidenbusch: „Nur ein Esel lässt sich vor einen Karren spannen – besonders vor einen fremden Karren.“ Ein Gruß an Minister Herrmann.
Am Montagmorgen will die Fraktion ihre Entscheidung in geheimer Wahl treffen, am 15./16. Dezember dann der Parteitag in Nürnberg. Man mag eine Mehrheit für Söder vermuten; allerdings hat auch Herrmann, der 2003 bis 2007 die Fraktion führte, ein hohes Ansehen. Er gilt als pflichtbewusst, loyal, verlässlich. Mit Söder verbindet ihn kurioserweise sogar inhaltlich viel – unter anderem ein strikter Kurs in der Flüchtlingspolitik. Ihre beiden CSU-Bezirksverbände Mittelfranken und Nürnberg arbeiten zusammen. Auch menschlich hatten Söder und Herrmann selten Reibungen, man lädt sich sogar zu Geburtstagsfeiern ein.
Umso härter dürfte Söder die Geheimabsprache hinter seinem Rücken als Vertrauensbruch sehen. Hinter den Kulissen gibt es vorsichtige Versuche, Herrmann von einer Kandidatur abzuhalten, Ausgang offen. Seehofer selbst sagte vor wenigen Tagen, eine Abstimmung mit mehreren Bewerbern sei kein Weltuntergang. Das Bekanntwerden des Geheimtreffens schürt allerdings bis weit oben in der CSU-Spitze Misstrauen. „Keiner traut mehr keinem“, sagt ein Minister, die Lage sei „irre“. Selbst ihren Zuarbeitern trauen manche Politiker nicht mehr: Per Rundmail wurden die Ministerien gestern informiert, dass zur Sondersitzung der Fraktion am Montag alle Mitarbeiter ausgeschlossen würden.
Derweil sortiert sich der Rest der Partei. Ilse Aigner plant für Samstag eine Sitzung des Bezirksvorstands Oberbayern. Sie ist in einer kniffeligen Lage: Persönlich steht sie Herrmann näher, Söder hat in Oberbayern aber mindestens ein Drittel der Kreisvorsitzenden hinter sich gebracht. Am Sonntagnachmittag will Seehofer mit allen Bezirksvorsitzenden sprechen, dann mit den Arbeitsgemeinschaften der Partei, und ein Stimmungsbild einholen.
Unbemerkt von der Öffentlichkeit gab es gestern sogar ein weiteres spannendes Treffen: Edmund Stoiber und Theo Waigel, beide eben von Auslandsreisen zurückgekehrt, setzten sich am Mittag zusammen. Die beiden Ehrenvorsitzenden, alles andere als enge Freunde, berieten über die Zukunft der CSU, über Seehofer, Söder, Herrmann. Es sei keiner mit einem blauen Auge herausgekommen, heißt es über beide. Seehofers geplanter Beraterkreis mit ihnen und Barbara Stamm wird zwar wohl nie tagen; sie werden dem CSU-Chef ihren Rat aber jeweils persönlich und diskret mitteilen.
In diesem Fall kann man übrigens nicht von einem supergeheimen Treffen sprechen: Waigel und Stoiber tagten bei Promi-Koch Schuhbeck in der Münchner Innenstadt.