Ob die neuesten Zahlen ihrer Statistikbehörde ONS über rückläufige Einwandererzahlen die Briten wirklich glücklich machen, darf bezweifelt werden. Die Wirtschaftsverbände im Vereinigten Königreich sehen die Entwicklung jedenfalls gar nicht rosig: Vom Zimmermädchen im Hotelgewerbe über Handwerker am Bau bis hin zu billigen Erntehelfern in der Landwirtschaft droht Arbeitskräftemangel in vielen Branchen, die bis jetzt von Osteuropäern bedient wurden. Ob alle frei werdenden Jobs von Briten besetzt werden, ist fraglich.
Doch das ist nicht das einzige Problem. In den Verhandlungen zwischen Brüssel und London wird klar, dass die Scheidung von der EU keinen Geldregen an gesparten Barem über der Insel herabgehen lässt, wie es die Brexit-Befürworter versprachen, sondern stattdessen noch über Jahre Milliarden von Pfund für jene Brüsseler Projekte und Pensionen berappt werden müssen, die von London mitbeschlossen wurden. Vom Wegzug zweier bedeutender EU-Agenturen, den Verwerfungen im Bankensektor sowie dem Problem der irischen Grenze ganz zu schweigen. Hinzu kommt die politische Lähmung: Theresa May ist seit dem Wahldebakel im Mai eine zwischen den Fronten ihrer Partei lavierende Lady, die nur noch im Amt ist, weil kein anderer eine Mehrheit hinter sich bringt.
Vielleicht ist es Zeit für die Premierministerin, einen Vorschlag von Liberalen-Parteichef Vince Cable aufzugreifen. Mit Brüssel einen Deal aushandeln, Kosten und Nutzen bilanzieren und dann die Briten darüber abstimmen lassen, ob sie den Brexit noch immer wollen.
Alexander Weber
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