Merkels gefährlichster Gegner im Umfragetief

Lindners Wette

von Redaktion

Je störrischer sich die SPD zeigt, mit der Kanzlerin ins Geschäft zu kommen, und je länger sich die Berliner Regierungsbildung hinzieht, desto größer wird der Zorn vieler Bürger über FDP-Chef Christian Lindner. Dessen Jamaika-Notbremsung hat es jetzt sogar zum Wort des Jahres gebracht. Allerdings sind in der Stimmungsdemokratie momentane (Un-)Beliebtheitswerte nichts, weswegen man als Politiker die Nerven verlieren müsste. Dasselbe gilt für Urteile einer Sprachjury von Germanisten.

Lindners Wette läuft weiter. Einlösen muss er sie erst am nächsten Wahltag, vielleicht erst in vier Jahren. Der FDP-Chef will seine Partei den Wählern bis dahin als die bessere, die standhaftere Union empfehlen, und zugleich als Alternative zur „Alternative für Deutschland“. Dafür nimmt er auch den Shitstorm in Kauf, der derzeit in den gar nicht so sozialen Medien um ihn herum tost. Es handelt sich dabei ja ohnehin nur um die Rückkehr zur alten, gehässigen Tonlage, die Deutschlands Liberale seit Jahrzehnten kennen.

Solange der CDU die Kraft fehlt, eine personelle Alternative zur weit in die linke Mitte entrückten Angela Merkel aufzubauen, bleibt Lindner der gefährlichste (und einzige) Gegenspieler der Kanzlerin, der Architekt und Kristallisationspunkt eines neuen bürgerlichen Lagers. Er und seine Partei sind die Zuflucht für Wähler, denen die CDU zu beliebig und die AfD zu aggressiv ist. Je mehr die Union auf die SPD zugehen muss und je vulgärer die AfD sich gebärdet, desto attraktiver wird die FDP, als doppeltes Bollwerk gegen einen Links- wie einen Rechtsruck. Deshalb wird Lindner aus der Union so hemmungslos attackiert. Doch lässt sich die staatspolitische Verantwortung, vor der seine Liberalen angeblich desertiert seien, auch anders wahrnehmen als durch die Teilnahme an einem dysfunktionalen Jamaika-Bündnis. Wer, wenn nicht Lindner, soll denn den Aufstieg der AfD, die sich jeden Tag mehr als Höcke-Partei demaskiert, noch aufhalten? Etwa der völlig entkräftete Schulz? Oder eine im Herbst ihrer Kanzlerschaft angelangte Angela Merkel?

Georg Anastasiadis

Sie erreichen den Autor unter

Georg.Anastasiadis@ovb.net

Artikel 1 von 11