Dresden – Wenn Michael Kretschmer am Samstag zum neuen Chef der Sachsen-CDU gekürt wird, dann ist es nur noch ein Schritt zur Macht. Am Mittwoch will sich der 42-Jährige im Dresdner Landtag zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Kretschmer soll als Nachfolger von Stanislaw Tillich (CDU), der nach dem Wahldesaster seiner Partei bei der Bundestagswahl seinen Rücktritt ankündigte, in die Staatskanzlei einziehen. Der 1975 in Görlitz geborene Kretschmer wäre dann jüngster amtierender Ministerpräsident in Deutschland. Schon länger galt der smarte CDU-Politiker als Kandidat für höhere Ämter. Dass er jetzt schon das Regierungsruder übernehmen soll, kam allerdings überraschend. Tillich kündigte seinen Rückzug an, nachdem die Christdemokraten im Freistaat am 24. September mit knappem Abstand nur zweitstärkste Partei hinter der AfD geworden waren.
Auch Kretschmer bekam am Wahltag eine heftige Klatsche. Der amtierende Generalsekretär der sächsischen CDU verlor seinen eigenen Wahlkreis in Görlitz, den er viermal gewonnen hatte, an einen AfD-Kandidaten und stand plötzlich als Wahlverlierer da. Dass Tillich ihn dennoch postwendend als seinen Nachfolger vorschlug, sorgte auch in den eigenen Reihen für Grummeln.
Kretschmers politische Wurzeln liegen im Wendeherbst 1989. Freunde aus der jungen Gemeinde, mit denen er damals die Friedensgebete in seiner Heimatstadt besuchte, begeisterten ihn für Politik. Für Kretschmer ist es eine „bis heute prägende Zeit“. 1994 wurde er Stadtrat in Görlitz. Der ausgebildete Büroinformationselektroniker erwarb auf dem zweiten Bildungsweg seine Fachhochschulreife und studierte in Dresden Wirtschaftsingenieurwesen. 2002 zog er in den Bundestag ein. Seit 2009 war der Vater von zwei Söhnen stellvertretender Unionsfraktionschef mit Schwerpunkt Bildung. Sein abruptes Aus im Bundestag bezeichnete Kretschmer in einem Zeitungsinterview als „Magenschwinger“ und eine persönliche „Zäsur“. Viel Zeit für eine Neuorientierung blieb dem 42-Jährigen indes nicht.
Er soll nun einen Generationswechsel in der Sachsen-CDU einleiten. Doch so unkonventionell Kretschmers Familienleben ist, der mit seiner Lebensgefährtin in einer Patchworkfamilie lebt, so beständig ist er in seinen politischen Ansichten. Im vergangenen Jahr gehörte er zu den Unterzeichnern eines von CSU und Sachsen-CDU verfassten „Aufrufs zu einer Leit- und Rahmenkultur“. Beim Thema Asyl fordert Kretschmer einen starken Rechtsstaat und eine härtere Gangart bei ausreisepflichtigen Flüchtlingen. Wer keinen Anspruch auf Asyl habe, müsse „unser Land auch zügig wieder verlassen“, sagte er. Eines aber stellte Kretschmer bereits klar: „Wir wollen die AfD schlagen, nicht mit ihr koalieren – sie ist der politische Gegner“, sagte er in einem „Zeit“-Interview.