Es wäre falsch zu sagen, der Judenhass sei erst mit den muslimischen Migranten nach Deutschland zurückgekehrt. Er war nie weg. Er nistet in den braunen Brutstätten der alten Rechten ebenso wie im Gutmenschen-Gehabe der neuen Linken, oft geschickt getarnt als Kritik am Agieren des Staates Israel. Neu allerdings ist, dass in Berlin-Neukölln und anderswo ein hasserfüllter Mob wieder auf offener Straße „Tod den Juden“ ruft und israelische Fahnen verbrennt. Neu ist, dass jüdische Kinder in Schulen nicht mehr die Kippa zu tragen wagen oder, wenn sie es trotzdem tun, verprügelt werden. Neu ist, dass in Facebook und anderen sozialen Netzwerken Gewaltphantasien gegen Juden wieder freier Lauf gelassen wird, ungeniert und ungestraft.
Bei aller berechtigten Kritik an der Politik Trumps und Netanjahus: Die Szenen, die sich zuletzt auf deutschen Straßen abgespielt haben, müss(t)en allen Verantwortungsträgern in Politik und Polizei Schauer über den Rücken jagen. Die Hilflosigkeit der Berliner Polizei im Umgang mit dem schlimmen Treiben steht in der unguten Tradition des Versagens im Fall des Weihnachts-Attentäters Anis Amri. Und sie steht symbolhaft für die Ratlosigkeit des Staates bei der Integration jenes Teils der Zuwanderer, die sich in ihren Parallelgesellschaften eingerichtet haben und sich um die Werte unseres Gemeinwesens nicht scheren. Die sich auch nicht scheuen, ihre Verachtung für Schwule und andere Minderheiten zu zeigen. Weil ihr dumpfes Ressentiment täglich neue Bestätigung erhält durch das Satelliten-TV, das das archaische Denken ihrer Länder in die Metropolen Europas trägt – bis es hier zum Zusammenprall der Zivilisationen kommt. Der Angriff auf die Juden ist ein Angriff auf die pluralistische Gesellschaft.
Deutschlands Willkommenskultur sollte ein Zeichen an die Welt sein, dass das Land der Täter ein anderes geworden ist, hilfsbereit und Menschen in Not zugewandt. Die Szenen dieser Woche aber senden, nicht weniger als die vielen Anschläge auf Asylheime, ein anderes Signal von Deutschland in die Welt: dass die Unkultur der Intoleranz bei uns stärker wird. Nur wo bleibt in diesem Fall der Aufschrei? Und, wichtiger, wo die Reaktion des Rechtsstaates, wenn auf deutschem Boden zu Mord aufgerufen wird?
Georg Anastasiadis
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