Steinmeier und die „bedrohliche Stille“

von Redaktion

Berlin – Stille, Sicherheit, Geborgenheit: Für viele ist das ein zentraler Wunsch an Weihnachten. Es gebe aber auch eine Stille, die „bedrohlich werden kann“, zeichnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der ersten Weihnachtsansprache seiner Amtszeit einen starken Kontrast. Im Osten wie im Westen Deutschlands gebe es Orte, in denen es schon lange keine Tankstelle oder Lebensmittelgeschäfte mehr gebe, die Wege zum Arzt immer weiter würden und die letzte Busverbindung eingestellt sei. „Für die, die geblieben sind, ist das Leben schwer geworden. Ich kann verstehen, dass die Menschen dort unzufrieden sind, sich sogar abgehängt fühlen.“

Spätestens mit den Wahlerfolgen der AfD sind verbitterte Bürger und abgehängte Regionen zu einem zentralen politischen Thema geworden. Nicht von ungefähr wurde im Sommer das Buch „Deutschland ab vom Wege“ von „Zeit“-Journalist Henning Sußebach zum Bestseller. Mehr als 1000 Kilometer wanderte der Reporter durchs „Hinterland“, jenseits der Kommunikationsblasen der akademisch gebildeten Großstädter und bürgerlichen Medien. Und nicht von ungefähr stand Juli Zehs Roman „Unterleuten“ auf den Bestsellerlisten: Dort treffen in einem abgehängten Dorf in Brandenburg verbitterte Ex-DDR-Bürger auf westlich geprägte Großstadtflüchter, Naturnaivlinge und Großinvestoren – eine brisante Mischung.

Die Frage, wie die Gesellschaft mit Globalisierung und Digitalisierung umgehen soll, wird zum Dauerbrenner. Die wachsende Sehnsucht nach Heimat dürften die Bürger nicht Nationalisten überlassen, hat der Bundespräsident bereits am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober gemahnt. „Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat“, so Steinmeier. „Heimat ist der Ort, an dem das ,Wir‘ Bedeutung bekommt.“

Auch andere Parteien entdeckten im Wahljahr das Thema Heimat. Die Bundes-CDU hatte angekündigt, das Bundeslandwirtschaftsministerium in ein „echtes Lebens- und Heimatministerium“ umbauen zu wollen, ähnlich dem Ressort in Bayern.

Steinmeier versuchte in seiner Weihnachtsansprache, den Heimatbegriff von Spießigkeit fernzuhalten. „Wir leben in einer Zeit, die uns beständig mit Unerwartetem konfrontiert“, sagte er. „Wären wir Menschen nicht auch mutig und offen für das Unerwartete, dann wären schon die Hirten vor Bethlehem auseinander gelaufen.“

Er verwies auf Menschen, die mit freiwilligem Engagement ihre Heimat als einen lebenswerten Ort erhalten. Er habe im Osten wie im Westen Menschen kennengelernt, die „nicht hinnehmen, dass Leere sich breitmacht“, sagte Steinmeier. Deshalb gebe es dort jetzt wieder „ein von Freiwilligen betriebenes Café und Treffpunkt dort im Zentrum, ein kleines, als Bürgerinitiative gegründetes Kino, einen von Nachbarn gebauten Spielplatz und Häuser, für die die Gemeinde Sorge trägt, die sie vor dem Verfall schützt und für junge Familien wieder herrichtet.“ Christoph Arens

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