Politik-Interesse hoch wie nie

Eine Frage der Streitkultur

von Redaktion

Wer döst, der mault nicht. Fachleute nennen das „asymmetrische Demobilisierung“, das Einlullen von Freunden und Gegnern. Hoffentlich darf man diesen grässlichen Begriff nun einmotten, denn Deutschland diskutiert leidenschaftlicher über Politik als seit 20 Jahren. Noch nie war das Interesse so hoch wie aktuell. Das ist im Kern eine gute Nachricht, denn Verdrossenheit, Desinteresse, Null-Bock-Gefühl der Wahlberechtigten sind für eine Demokratie zwar kurzfristig bequemer, aber langfristig viel gefährlicher als energischer Widerspruch.

Die Politisierung hat Gründe: Die Flüchtlingspolitik natürlich, deren teils im Alltag erlebbare Folgen positive und negative Emotionen in den Menschen wecken. Dann weltweit ein neuer, stärker polarisierender Politikertypus – Beispiele, untereinander nicht vergleichbar, aus verschiedenen Ebenen: Trump, Kurz, Söder. Wie auch immer man zu ihnen stehen und ihnen womöglich misstrauen mag – graumäusig sind sie nicht. Ein dritter Faktor der neuen Begeisterung: Noch nie war die öffentliche Mitsprache so einfach, digital wie real.

Deutschland streitet also – nur zu! Noch schöner wär’s, ginge das einher mit einem sorgsameren Achten der Umgangsformen. Vor allem in sozialen Netzwerken und im Mail-Verkehr werden der schmale Grat zwischen Leidenschaft und Wut, aber auch der gar nicht so schmale Grat zwischen Argument und Beschimpfung leichter überschritten als im direkten Dialog. Es mag spießig klingen – doch schon den Adressaten zu grüßen und zu verabschieden, spricht mehr für die Qualität der eigenen Botschaft als alle zornig angefügten Ausrufezeichen.

Risikolos ist die neue Politisierung nämlich nicht, sie kann im Land auch spaltend wirken. So positiv die messbaren Faktoren wie etwa die höhere Wahlbeteiligung auch sind – noch wichtiger ist am Ende die individuelle Bereitschaft, auf gute Argumente einzugehen.

Christian Deutschländer

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