Istanbul – Ihre Zahl ist noch klein, aber sie wächst. Aus Sorge um die politische und wirtschaftliche Zukunft ihres Landes gehen immer mehr reiche Türken auf Nummer sicher – und besorgen sich und der Familie die Aufenthaltsgenehmigung eines EU-Landes. Möglich machen das „Golden Visa“-Investitionsprogramme wie das von Griechenland, das wiederum das Geschäftsmodell von Panos Rozakis ist.
Rozakis ist Geschäftsführer von „Greek Residency“, einer Firma, die „goldene Visa“ vermittelt. Das staatliche Programm soll Investoren nach Griechenland locken, es funktioniert so: Wer mindestens 250 000 Euro, etwa durch den Kauf einer Wohnung in Athen, investiert, erhält „ab dem ersten Tag“ eine griechische Aufenthaltsgenehmigung – für sich, den Ehepartner, Kinder bis 21 Jahren, die Eltern und Schwiegereltern. Wichtig ist: Damit erhalten sie das Recht auf visafreies Reisen im Schengen-Raum.
Griechenland ist nicht das einzige „Golden Visa“-Land in der EU, aber das günstigste. Portugal verlangt eine Mindest-Investition von 500 000 Euro. Zypern bietet Investoren gleich die Staatsangehörigkeit an, wenn sie dafür zwei Millionen Euro hinblättern.
Rozakis’ Firma erledigt den Papierkram mit den Behörden, vermittelt eine Immobilie und kümmert sich um Vermietung und Instandhaltung. Seit dem Putschversuch vom Juli 2016 wächst die Nachfrage von Türken. „Wir haben ein Treffen nach dem nächsten“, sagt Rozakis. Die meisten Investoren kämen zwar aus China und Russland. Aber „es sieht so aus, als wären die Türken auf dem Weg zur Spitze“.
Die griechischen Behörden veröffentlichen keine Statistiken zum „Golden Visa“-Programm. Aber in griechischen Medien ist von 170 türkischen Investoren und deren Familien die Rede, die Aufenthaltsgenehmigungen in Griechenland bekommen haben. 2016 waren es noch 30.
Seit dem Putschversuch und den von Erdogan ausgerufenen „Säuberungen“ verlassen immer mehr Türken ihr Land Richtung EU – oder denken darüber nach. Zahlen gibt es nicht, aber Indizien: So haben seit Sommer 2016 nach Angaben der Bundesregierung mehr als 760 Türken mit Diplomaten- oder Dienstpässen Asyl in Deutschland beantragt. In Griechenland baten Mitte Dezember 33 Türken um Asyl, die per Boot übergesetzt waren.
Auch die Deutschkurse des Goethe-Instituts in Istanbul sind stets voll. Viele Teilnehmer wollen die Sprache lernen, um auszuwandern. Dem Oppositionspolitiker Ali Türksen aus dem Vorstand der neuen Iyi-Partei bereitet das Sorge. „Wenn wir ein gutes Bildungssystem hätten, ein gutes politisches System, ein gutes Wirtschaftssystem und wenn wir gute internationale Beziehungen hätten“, glaubt er, „würde niemand in ein anderes Land gehen wollen.“
Rozakis’ Kunden planen die Investition in der Regel als Versicherung für den Fall der Fälle. Deswegen wandern sie nach Vertragsabschluss in der Regel auch nicht aus, sondern bleiben in der Heimat, während ein Teil der Ersparnisse schon einmal in Europa angelegt ist. Zur Not kann die Familie in den nächsten Flieger Richtung EU steigen.
Die Kunden fallen in zwei Kategorien: „Erstens Menschen, die einen sicheren und schnellen Ausweg wollen, falls in ihrem Land etwas schiefgeht.“ Die zweite Gruppe seien Vielreisende, für die es schwieriger werde, Schengen-Visa zu erhalten. Die meisten türkischen Kunden gehörten zur ersten Kategorie. Sie seien meist aus der oberen Mittelklasse, gut gebildet, keine Anhänger Erdogans.
Der Regierung in Ankara ist vor allem der Abfluss von Devisen ein Dorn im Auge. Kürzlich rief Erdogan seine Regierung auf, Schritte gegen Geschäftsleute zu unternehmen, die Gewinne ins Ausland schleusten. Danach ruderte er zwar zurück, doch bei Rozakis’ Kunden blieb die Sorge. Für das „Golden Visa“-Geschäft ist das nicht schlecht.