Noch ist schwer zu beurteilen, was genau (oder wer) hinter den größten Unruhen im Iran seit 2009, der Grünen Revolution gegen die Wiederwahl des damaligen erzkonservativen Präsidenten Ahmadinedschad, steckt. Wie ernst das Mullah-Regime das landesweite Aufbegehren nimmt, zeigt nicht nur das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten, sondern auch die Beschränkung des Internets im Land, und damit die wichtigste Informations- und Kommunikationsbasis für Protestler wie (noch) unbeteiligte Bürger.
Was zunächst als offenbar von islamischen Hardlinern gesteuerter Protest gegen Preissteigerungen und Arbeitslosigkeit begann, hat sich zunehmend in Anti-System-Kritik umgewandelt. Die Hoffnung vieler Iraner, nach dem Atom-Deal mit dem Westen würde sich die wirtschaftliche Lage im Land deutlich bessern, wurde bitter enttäuscht. Das ist nur zum Teil die Schuld des vergleichsweise reformorientierten Präsidenten Ruhani, das entscheidende Wort hat im Iran immer noch der oberste Führer, der erzkonservative Ajatollah Ali Chamenei. Gleichzeitig stellen Bürger die Frage, warum das Mullah-Regime Milliarden in Konflikte wie Syrien, Palästina oder Jemen steckt, wo es im eigenen Land doch so dringend an Investitionen fehlt. Vor allem Letzteres passt wunderbar ins Konzept von US-Präsident Trump, der eine harte Anti-Iran-Politik verfolgt und einen Regimewechsel in Teheran begrüßen würde. Trumps vollmundige Solidaritätsadresse könnte sich für die Demonstranten in Teheran allerdings als Bumerang erweisen.
Alexander Weber
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