Fachkräfte-Notstand

Dauerpatient Pflege

von Redaktion

von Sebastian Horsch

München – Frank Weidner hat die wichtigen Zahlen im Kopf. 3,4 zum Beispiel. So viele Pflegekräfte seien 1995 noch auf einen Arzt in einem Krankenhaus gekommen. „Heute sind es nur noch zwei“, sagt der Leiter des deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP). Die wohl wichtigere Zahl aber lautet zwölf Milliarden. So viel würde der Masterplan kosten, den sein Institut ausgearbeitet hat: zwölf Milliarden Euro jährlich, um das deutsche Pflegesystem aus der Krise zu führen.Wenn eine mögliche Große Koalition stattdessen vielleicht bald Maßnahmen für drei oder vier Milliarden präsentiere, „dann muss ich nicht einmal wissen, was sie vorhat“, sagt Weidner. „Das reicht nicht.“

Das deutsche Pflegesystem steht vor gewaltigen Herausforderungen. Erst gestern wieder hat die Deutsche Stiftung Patientenschutz einen bundesweit einheitlichen Mindestpersonalschlüssel für Pflegeheime gefordert. „Gute Pflege ist nur möglich, wenn auf den Stationen genügend Pflegefachkräfte pro Bewohner vorhanden sind“, so Stiftungsvorstand Eugen Brysch. „Liegt eine Einrichtung unter dieser Mindestvorgabe, muss es einen Aufnahmestopp oder sogar eine Schließung geben.“

Gleichzeitig aber hat die Branche ein Personalproblem. In der Pflege, insbesondere bei der schlecht bezahlten Altenpflege, droht ein Fachkräfte-Notstand. Und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt immer weiter: 2015 waren knapp 2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig; bis 2060 wird mit 4,7 Millionen gerechnet. Bis 2030 werden insgesamt 270 000 neue stationäre Pflegeplätze nötig und 180 000 Pflegefachkräfte gebraucht, schätzen Experten. Auch die Krankenhäuser verzeichnen schon jetzt mehr alte Patienten, die an mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden. DIP-Chef Weidner sieht zudem ein weiteres Problem. Weil die Bedingungen teils so schlecht seien, arbeite ein großer Teil der Fachkräfte nur Teilzeit. Dadurch würden „erhebliche Ressourcen“ verloren.

Weidner empfiehlt der Politik – und vor allem einer möglichen Großen Koalition – angesichts dieser Notlage: „Klotzen statt kleckern!“ Im Koalitionsvertrag müsse zunächst ein Masterplan Pflege verankert werden, der vor allem die Rahmenbedingungen in Krankenhäusern, Altenheimen und ambulanten Diensten ins Auge nimmt. Mit folgenden Zielen: Die Gehälter – insbesondere in der Altenpflege – müssten spürbar um bis zu 30 Prozent angehoben und bis zum Ende der Legislatur 100 000 neue Stellen in Krankenhäusern und Altenheimen geschaffen werden. Auch die Ausbildung müsse aufgewertet und der Beruf akademisiert werden. „Man studiert in Europa Pflege, in Deutschland aber nicht“, sagt Weidner. Gleichzeitig müsse unter anderem mehr Geld in die Erforschung neuer Technologien und Versorgungskonzepte fließen. Für die entsprechenden Gesetzesänderungen und Vertragsprozesse schlägt der DIP-Plan einen runden Tisch vor, an dem neben Bund, Ländern und Kommunen unter anderem auch die Arbeitgeber und Gewerkschaften sowie Experten und relevante Organisationen sitzen.

Dass das Personalproblem stattdessen durch angeworbene Kräfte aus dem Ausland gelöst werden könne, glaubt Weidner hingegen nicht. Dabei könne es sich höchstens um „flankierende Maßnahmen“ handeln. Denn neben Sprachproblemen zeige die Erfahrung, dass Menschen, die oft etwas ganz anderes gelernt haben, die Pflege-Arbeit in Deutschland meist nicht lange machen wollten.

In der Politik scheinen die Appelle vor den GroKo-Sondierungen offenbar Gehör zu finden. „Wir wollen die Situation von Pflegebedürftigen und Pflegenden verbessern“, zitiert das Redaktions-Netzwerk Deutschland aus einer Beschlussvorlage für die Winterklausur der CSU-Bundestagsabgeordneten, die ab Donnerstag im Kloster Seeon stattfindet. „Dazu gehören unter anderem attraktivere Arbeitsbedingungen durch eine höhere Bezahlung der Pflegekräfte, eine Ausbildungsoffensive und Weiterqualifizierungsmaßnahmen“, heißt es weiter. DIP-Chef Weidner würde nun vermutlich gerne Zahlen hören.

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